Theater

Wenn die Bühne zur Großgaststätte wird: Arnold Weskers Stück "Die Küche" am Theater Freiburg

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

So, 19. Mai 2019 um 19:36 Uhr

Theater

Viele Köche und einige Kurzweil: Amir Reza Koohestani inszeniert in Freiburg Arnold Weskers "Die Küche" . Hat das Stück nach 60 Jahren Patina angesetzt?

Das Stück ist sechzig Jahre alt, sein Autor hierzulande wenig bekannt: Grund genug für eine Wiederentdeckung, zumal der bekannte iranische Regisseur Amir Reza Koohestani sich der Inszenierung annimmt? Dazu muss eine kleine Geschichte nacherzählt werden. Koohestani stieß 2004 während eines Londoner Aufenthalts als Artist in Residence bei der Beschäftigung mit der Generation der "Angry young men" auf Arnold Weskers "Die Küche", fing aber zunächst keineswegs Feuer. Erst als drei Jahre später ein iranischer Schauspieler das Stück aus dem simplen Grund für seine Schüler auswählte, weil es 30 Rollen bietet, kam er auf die Idee, "Die Küche" einem deutschen Publikum vorzusetzen. Weil es, so Koohestani gegenüber dem Dramaturgen Rüdiger Bering, unter anderem von deutschen Emigranten in England nach dem Zweiten Weltkrieg handelt: Ein melancholischer Jude namens Paul kommt ebenso vor wie ein zackiger blonder Hans und ein aggressionsgeladener Peter, der als "bloody german bastard" beschimpft wird.

Nun also kann "Die Küche" im Kleinen Haus des Freiburger Theaters besichtigt werden: auch im buchstäblichen Sinn. Die Bühnenbildnerin Mitra Nadjmabadi und ihr Team haben keine Mühe gescheut, den Raum höchst naturalistisch in jenen Ort zu verwandeln, an dem in einer Großgaststätte alles zusammenläuft: Wo die (weiblichen) Bedienungen, die damals noch diese kleinen weißen Rüschenschürzen über den engen Röcken trugen, die Bestellungen per Zettel weitergeben, wo die (männlichen) Köche an mehreren Herden gleichzeitig Saucen schlagen, Fisch und Steaks brutzeln, wo alles schnell und schneller gehen muss – und wo in die Pausen vor und nach dem Ansturm der Gäste die persönlichen Geschichten des, wie man heute sagen würde, gastronomischen Personals hineinragen. Zwischen Spül- und Kochstellen, Servierwagen und Tischen ist ein ständiges Kommen und Gehen: Und ja, das gesamte Freiburger Ensemble plus einige Gäste ist auf den Beinen: Es sind nicht 30, aber immerhin noch 18 Rollen.

Diese ständige Bewegung, das Auftauchen immer noch neuer Gesichter, die schnell aufeinanderfolgenden, zum Teil simultanen Dialoge sorgen eine Zeit lang für Kurzweil. Man muss sich zurechtfinden in dem Alltagstrubel zwischen einem schlurfigen Chefkoch, der sich um nichts kümmert (Hartmut Stanke), der abgebrühten zweiten Chefin (Anja Schweitzer), den vier Kellnerinnen und acht Köchen, unter denen einer zunächst eine Sonderrolle einnimmt: Kevin (Lukhanyo Bele) ist der Neue. Und er ist unübersehbar kein Europäer. Wie Bele mit unsicherem Lächeln in dem Gewusel herumsteht und sich niemand für ihn zuständig fühlt, wie ihn alle geflissentlich übersehen, bis sich Stanke endlich seiner erbarmt: Da war der Ansatz eines rassistisch motivierten Konflikts zu erkennen, womöglich ein Reflex auf die – nur erzählte – Auseinandersetzung vom Vorabend zwischen Peter (Martin Hohner) und dem Zyprioten Gaston (Tim Al-Windawe).

Fatalismus wie bei Tschechow

Doch Kevin, im Stück ein Ire, findet sich dann doch schnell in seine Rolle und streut im Gegenteil sogar ein bisschen Sand ins Getriebe – aber auch sein Aufbegehren gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen ("This is no place for human beings") verpufft wirkungslos. Nein, ändern kann und will niemand etwas an den Zuständen in der Küche, in der von Zeit zu Zeit der naturgemäß sehr beleibte Besitzer Marango (Marco Rudolph) wie ein Kapitalist alter Schule auftaucht, um seine Pferdchen am Laufen zu halten. Arnold Wesker kam selbst aus der Unterschicht und glaubte als "skeptischer Sozialist" (was immer das sein mag, so steht es im Programmheft) nicht an Veränderung. In dieser Hinsicht knüpft Koohestani nach eigener Aussage an seine Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" in Freiburg an: Fatalismus hier wie da. Nur dass Tschechow ein größerer Dichter war als Wesker, dessen Sprache sich bewusst vom gehobenen Ton absetzen will. Der Schritt zur Banalität ist allerdings nicht allzu groß – und nur ein Ensemble von außergewöhnlichen Schauspielern kann ihn vermeiden. Wenn etwa der stets auf Krawall gebürstete Peter, ein rechter german Unsympath, wie ihn sich die Engländer gern vorstell(t)en, seine Kollegen nach ihren Träumen fragt und dabei nur erschütternd Gewöhnliches zu Tage tritt, sollte einen gerade diese Armseligkeit treffen.

In Freiburg indes versinkt die Szene in ziemlicher Ödnis.

Und man fragt sich irgendwann, ob "Die Küche" nicht doch nach sechs Jahrzehnten Patina angesetzt hat: Ob sich aus den Reibereien zwischen deutschen Emigranten und Briten noch Funken schlagen lassen – und ob man diese geschichtspolitisch klar konturierten Rollen ohne weiteres auf die heutige Situation von Migranten in Europa übertragen kann. Was bleibt, sind die miserablen Arbeitsbedingungen in der Gastronomie, die sich in all den Jahren nicht wesentlich geändert haben, weswegen es ja auch zunehmend schwer wird, in dieser Branche noch Arbeitskräfte zu finden. Deren Darstellung ist Koohestani mit stummen, materialfreien Pantomimen und einem fast musikalischen Rhythmus überzeugend gelungen. Und seltsam, einer aus dem großen Ensemble hat sich in die nachhaltigere Erinnerung gestohlen: Es ist Lukas Hupfeld, wie er lässig dasitzt und beiläufig ein paar Akkorde auf der Gitarre anschlägt. Das hat etwas wunderbar cool Melancholisches. Geraucht wird übrigens extrem viel auf der Bühne. So war das halt in den Sechzigern. Besser als der Brexit ist das allemal.