Tief gegraben

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Sa, 27. November 2021

Rock & Pop

Das zweite gemeinsame Album von Robert Plant und Alison Krauss ist wieder ein sängerisches Ereignis.

"Digging Deep" – so heißt der Podcast, in dem Robert Plant seit zwei Jahren tief gräbt: in der Geschichte seiner Solokarriere, nachdem er vom Rockgötter-Olymp herabgestiegen war, auf dem er mit seiner Band Led Zeppelin einst gethront hatte. Mit seiner sonoren Sprechstimme erzählt der 73-Jährige von den vielen Begegnungen mit anderen Musikern. "I want to be stimulated", ich möchte angespornt werden, sagt er einmal. Und: "Wer immer es ist, es muss farbenfroh sein."

In der fünften Folge der ersten Staffel geht es um Plants Begegnung mit Alison Krauss, der Königin des Bluegrass, vor 15 Jahren. Ein Journalist hatte den Briten und die Amerikanerin zusammengebracht. Es funkte – und heraus kam das Album "Raising Sand" (2007). Heute ein Klassiker, sechsfach Grammy-dekoriert. Unter der Regie des Produzenten T-Bone Burnett interpretierten die beiden frühe R&B-Gassenhauer, Blues-Stücke, Titel von Gene Clark (dem Ex-Byrd), Tom Waits und Townes Van Zandt. Die Band klang in Spielweise und Sounddesign wie von einer alten Single, es war eine Inszenierung der Ursprünglichkeit. Aber vor allem ein Triumph des Gesangs.

Ganz der Galan bescheinigt Plant der 23 Jahre jüngeren Krauss in seinem Podcast die "Stimme eines Engels". Aber auch er selbst könne "sehr zart singen, wenn ich die Kanten zurücknehme". In der Tat: Der Rocker wurde mit Krauss zum sensiblen Interpreten. Und: "Sie lehrte mich den Harmoniegesang", erzählt er. Der Kontrast und der Zusammenklang der Stimmen war ein Erlebnis.

So stand bald ein zweites Album im Raum. Sie versuchten es, aber magische Ereignisse lassen sich nicht wiederholen. 14 Jahre hat es gedauert, vermutlich erst mal Distanz gebraucht, um sich wieder zu begegnen. Aber nun ist es da: das zweite Plant/Krauss-Album, "Raise The Roof".

Nicht einfach dasselbe nochmal gemacht

Großartig ist, dass sie und Burnett nicht dasselbe nochmal gemacht haben. Diesmal klingt die Band oft gegenwärtiger, es gibt mehr Gitarren (von Größen wie Marc Ribot, Dave Hidalgo oder Bill Frisell), die Drums von Jay Bellerose sind klarer, Dennis Crouch spielt mehr E-Bass als akustischen. Und doch ist es wieder ein Album von zeitloser Anmutung. Was vor allem an den Songs liegt. Es sind neue dabei, einer von Calexico, ein von Burnett und Plant geschriebener. Aber die Höhepunkte sind zwei Stücke britischen Sixties-Folk und zwei alte amerikanische. Ist es Zufall, dass drei von Frauen sind?

Anne Briggs war eine englische Folk-Sängerin, die sich nach nur zwei LPs von der Musikszene zurückzog und Gärtnerin wurde. Ihr "Go Your Way" ist die Klage einer Verlassenen, die Wasser aus dem Brunnen holt und noch immer für den Mann mitkocht. Eine Zeitlang war Briggs mit Bert Jansch liiert, der berühmter wurde als sie. Sein "It Don’t Bother Me" ist ein Lied des Lebensüberdrusses. Briggs und Jansch haben keine voluminösen und nuancenreichen Stimmen. Wie Krauss und Plant mit ihren Möglichkeiten, mit ihren Phrasierungen die Stücke singen, ist überwältigend. Wer wusste da, was man aus den Vorlagen machen konnte?

Dasselbe gilt für "You Led Me To The Wrong", ein Lied der Bluegrass-Sängerin Ola Belle Reed (Jahrgang 1916) über einen Mord aus Eifersucht. Und für den "Last Kind Word Blues" der Sängerin Geeshie Wiley (Geburtsdatum unbekannt), aufgenommen in den 30ern. Ein geliebter Mann verlässt darin die Frau, um in den "German War", den Ersten Weltkrieg, zu ziehen. Es sind herzergreifende Interpretationen, die Plant und Krauss daraus entwickeln. "Emotionen bleiben Emotionen, egal unter welchen Umständen sie entstehen", hat Krauss dem Rolling Stone zum neuen Album gesagt. Das Immer-Menschliche, diese beiden graben tief danach.

Robert Plant/Alison Krauss: Raise The Roof (Warner). Robert Plant: Digging Deep (Streamingdienste).