Qualzucht

Tierschützer im Südwesten prangern extreme Züchtungen an

Katrin Stahl

Von Katrin Stahl

Mo, 25. November 2019 um 09:50 Uhr

Südwest

Viele Tiere leiden unter immer extremeren, menschengemachten Züchtungen. Dagegen regt sich im Land Widerstand – nicht nur im Fall des beliebtes Mopses. Hundezuchtvereine sehen das anders.

Große Kulleraugen, kurze Beine, flache Nase: Niedlich sieht er aus, der Mops. Hundehalter lieben die tapsigen Vierbeiner, das Internet ist voll mit lustigen Mops-Fotos und bereits Humorist Loriot war davon überzeugt, dass "ein Leben ohne Mops möglich, aber sinnlos" sei. Doch was wir süß finden, bedeutet für das Tier oft große Qualen, denn die Schnauze und der Kopf des kleinen Hundes sind zu kurz, die Nasenlöcher nicht groß genug. Dies ist das Ergebnis gezielter Züchtung durch den Menschen.

"Diese Hunde kämpfen ihr ganzes Leben darum zu überleben" Landestierschutzbeauftragte Julia Stubenbord
Die Folgen: ständiges Röcheln, geringe Belastbarkeit, Atemnot. "Diese Hunde kämpfen ihr ganzes Leben darum zu überleben", sagt die baden-württembergische Landestierschutzbeauftragte Julia Stubenbord. Qualzucht nennt sich diese Form der extremen Züchtung. Laut Paragraph 11b des Tierschutzgesetzes ist sie verboten. Eigentlich. "Das Problem des aktuellen Gesetzes ist, dass sich die Amtsärzte immer nur auf ein Individuum und nicht auf eine ganze Rasse beziehen dürfen", erklärt Stubenbord, "das bedeutet bei jedem individuellen Kontrollfall zeitlich einen enormen Aufwand." Auch Martina Klausmann vom Landestierschutzverband Baden-Württemberg findet: Die aktuelle Formulierung im Tierschutzgesetz ist zu schwammig. "Wir brauchen eine rechtlich verbindliche Verordnung, die klar definiert, was eine Qualzucht ist."

Von einer zunehmenden Übertypisierung ist nicht nur der Mops betroffen. Nacktkatzen leiden in vielen Fällen unter einer Immunschwäche, Kaninchen mit Schlappohren unter Schwerhörigkeit und Masthähnchen können sich wegen ihrer Körpermasse häufig nicht auf den Beinen halten. Oft geht es um verbesserte Leistungsfähigkeit, exotisches Aussehen und um die Einhaltung von Rassestandards. Züchter verdienen damit ihr Geld – und auf Ausstellungen viele Preise.

"Qualzuchttiere gehören weder auf die Showbühne noch in die Zucht", schrieb die Landestierärztekammer Baden-Württemberg Anfang November. Das Problem hat auch die Bundespolitik erreicht – zumindest, wenn es um Hunde geht: Im Sommer kündigte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) an, Ausstellungen von Hunden mit Merkmalen verbotener Qualzuchten zu untersagen. Das Gesetz soll möglichst im kommenden Jahr in Kraft treten.

"Diese Rassen sind teilweise Hunderte von Jahren alt und nicht in ihrer Gesamtheit als krank zu bezeichnen. Auswüchse sollten nicht durch einen Kahlschlag bekämpft werden." Landesvorsitzender VDH Ulrich Reidenbach
"Ein solches Verbot ist kontraproduktiv", findet Ulrich Reidenbach. Er ist Landesvorsitzender des Verbands für das Deutsche Hundewesen (VDH). Im Südwesten gehören der Interessenvertretung derzeit mehr als 80 Rassehundezuchtvereine, Hundesportverbände und Rettungshundestaffeln an. Der Landesverband organisiert Rassehundeausstellungen in Karlsruhe und Offenburg. "Gerade die Ausstellung dient der Selektion hin zu gesunden Tieren", sagt Reidenbach. Er meint: "Diese Rassen sind teilweise Hunderte von Jahren alt und nicht in ihrer Gesamtheit als krank zu bezeichnen. Auswüchse sollten nicht durch einen Kahlschlag bekämpft werden."

Dennoch: Auch beim VDH habe man längst erkannt, dass einige Züchter extreme Merkmale hervorheben, um ihre Hunde bei einem gewissen Klientel besser zu verkaufen. Daher würde der Verband in Belastungstests die betroffenen Hunderassen streng begutachten, bevor sie für die Zucht eine Zulassung erhalten. "Dabei kann ich natürlich nur für die kontrollierten Zuchten des VDH sprechen", sagt Reidenbach. In den Niederlanden herrscht seit einigen Monaten ein Zuchtverbot für Hunde mit zu kurzen Köpfen und Nasen. Wäre eine solche Regelung auch in Deutschland eine Lösung?

"Es wäre ein guter Anfang", sagt Stubenbord: "Mit diesem Verbot würden wir nur einen geringen Anteil abdecken." Denn viele gezüchtete Hunde, erklärt die Tierärztin, sind illegal aus dem Ausland importiert. "Das Problem ist größer, es müssen andere Regeln her." Zudem werde eine Aufklärung der Bevölkerung immer wichtiger. "Ein Hund, der immer röchelt, ist nicht süß – er hat Atemprobleme", sagt Julia Stubenbord.