TIPP DES MONATS

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Sa, 27. Juni 2020

Literatur & Vorträge

Gemächlich
Franz Hohler: Fahrplanmäßiger
Aufenthalt.
Luchterhand Verlag,
München 2020. 107 Seiten, 18 Euro.

Manchmal, wenn er auf Reisen ist, dauert das mit den Umsteigen länger, er verpasst den Anschluss: Und kommt auf diese Weise zu neuen Bekanntschaften. Franz Hohler ist einer, der in Widrigkeiten die Chance einer Entdeckung sieht, die er sonst nicht gemacht hätte. Es ist etwas Gemächliches, Liebenswertes an seinen 43 kurzen Texten, in denen es ein Konzert der absoluten Stille gibt, Bücher, vor denen man die Schuhe ausziehen muss, und den Beweis, dass ein Stellungswechsel genügt, um Bedeutungsloses in Unendlichkeit zu verwandeln. Manch eine Betrachtung treibt wie nebenbei ins Surreale ab: Dann öffnet sich ein Spalt in der Seite, durch den traumgleich Hoffnungsschimmer in den Alltag dringen und schimpfende Zwerge.Kurz angebunden

Dorthe Nors: Die Sonne hat Gesellschaft. Aus dem Dänischen von Frank Zuber.Verlag Kein & Aber, München 2020. 142 Seiten, 20 Euro.

Ein Geschäftsreisender, der sich mit Hygiene-Gel Bakterien und Berührungen von der Haut hält, träumt von einem Vogel, der ihm das Fleisch von den Rippen pickt. Ein Immunologe mit einem Faible für Behinderte findet Erfüllung darin, eine halbblinde Frau seinem Willen zu unterwerfen. Obwohl es ihm widerstrebt, lässt sich ein ehemaliger Lehrer von einer Seniorin, die nicht einmal sein Gesicht ausstehen kann, überreden, es sich mit ihr "gemütlich" zu machen. Die Menschen in Dorthe Nors’ kurzangebundenen Geschichten sind, auch wenn sie nicht klagen, Jammergestalten: Sie haben ihre Hoffnungen zu lange hinter sich hergeschleppt wie Kinder ihre Schmusedecke. Jetzt ist die Erwartung ranzig geworden und tröstet nicht mehr. Nors’ Blick auf die Welt legt die Frage nahe, ob es so etwas wie Beziehungen überhaupt gibt. Gegen ihre kurzen, unmissverständlichen Sätze ist jeder Einspruch sinnlos wie gegen Steine oder Regentropfen: Sie sind, sie fallen. Tröstlich

William Trevor: Letzte Erzählungen. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2020. 207 Seiten, 24 Euro.

Zwischen den Blumen, zwischen Ginster und Rosmarin finden sie zu sich selbst und manchmal, für ein Lächeln, ein Gespräch, zueinander: Glück hängt nicht von Dauer ab, und dass alles auf dieser Welt seinen Preis hat – ein gefrorenes Schweinesteak ebenso wie eine Stunde im Paradies –, darüber wissen die Menschen, von denen William Trevor schreibt, bestens Bescheid. So lässt sich in einer dieser zehn Geschichten eine Musiklehrerin von ihrem begabtesten Schüler stillschweigend bestehlen: um weiter in den Genuss seines göttlichen Klavierspiels zu kommen. Man möchte bleiben in Trevors letzten Erzählungen, die erfüllt sind vom Trost der Gärten und vom leuchtenden Rotgold der untergehenden Sonne.