TIPPS DES MONATS

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Sa, 21. November 2020

Literatur & Vorträge

Erkundungen

Susan Sontag: Wie wir jetzt leben.
Erzählungen. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Hanser Verlag, München 2020. 124 Seiten, 20 Euro.

Max und Aileen und Ira und Victor und fünfundzwanzig weitere Namen tanzen durch die Titelgeschichte um eine Person, die namenlos bleibt: Sie liegt im Sterben. Erkrankt an einem Virus, an dem bereits viele gestorben sind. Nein, nicht Corona: Die Erzählung entstand 1986. Schon damals galt: So, wie wir leben, haben wir Grund zur Sorge. In den vier anderen Texten befasst Susan Sontag sich mit unterschiedlichen Arten des Briefeschreibens, dem Zusammenhang von Vorwissen und Reaktion, mit Bildern und ihrer Bedeutung, und philosophiert – anhand einer Audienz bei Thomas Mann – über Scham und Enttäuschung. Es sind eher Erkundungen als Erzählungen, experimentierfreudige Essays, genau gedacht, wie eingraviert: nichts, was man beiseite wischen könnte oder schnell vergessen würde.Plaudereien

Thomas Hürlimann: Abendspaziergang mit dem Kater. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2020. 299 Seiten, 24 Euro.

Der schöne Titel ist ein Hinweis, der in die Irre führt: Nur in den neuverfassten Plaudereien taucht ein Kater auf. Sie verbinden Texte aus vier Jahrzehnten, in denen Hürlimann ganz andere Dinge erkundet: die Gegenwart der Steine, das Geheimnis und den Niedergang von Treppen, die Verwandlung der Wörter, platonische und aristotelische Zahlen. Und immer auch: seine eigene Person, seine Familiengeschichte, seine Freuden und besonders seine Leiden. Der ehemalige Klosterschüler ist kein Freund des Fortschritts, seine Erzählweise hat etwas Wohlgefälliges, leichtfüßig Poetisches. Vor allem aber besitzt Hürlimann die Fähigkeit, sich von der Welt berühren zu lassen: Das bringt Sätze hervor, die, Kometen gleich, Schweife von Licht nach sich ziehen. Nachtgedanken

Ivo Andric: Insomnia. Nachtgedanken. Aus dem Serbischen von Michael
Martens. Zsolnay Verlag, Wien 2020. 186 Seiten, 20 Euro.

Wenn Wünsche nicht einmal mehr in der Möglichkeitsform existieren, schwärzt sich der Blick auf die Welt: Und alles, was schäbig ist, sinnlos und elend, tritt brutal in den Vordergrund. In nächtlichen Stunden ohne Schlaf hat Ivo Andric, der weder dem Frieden traut noch der Schönheit, jahrelang notiert, was ihm zu schaffen macht, vor allem sich selbst gnadenlos ins Visier genommen, seine Verfehlungen, seine Bitterkeit, seinen Schmerz. In ihrer gnadenlosen Offenheit sind diese glänzend formulierten Darlegungen starker Tobak, gleichzeitig wohnt ihnen eine gewaltige Kraft inne. Andric schreibt seine Verzweiflung heraus, mit weit aufgerissenen Worten: und ist an anderer Stelle so still, dass die Sätze wie ausgestorben daliegen, endzeitlich und ohne Erwartung eines neuen Morgens.