Interview

Warum ein Neustädter Kinobetreiber gegen Streamingdienste demonstriert

Wolfgang Scheu

Von Wolfgang Scheu

Do, 28. März 2019 um 11:15 Uhr

Titisee-Neustadt

Kinobetreiber haben auf der Berlinale gegen Netflix & Co. protestiert. Mit dabei: Leopold Winterhalder vom Krone-Theater in Neustadt. Was hinter der Demo steckt, erzählt er im Interview.

Der Streamingdienst Netflix bleibt dem Filmfestival in Cannes fern, so lautete eine Schlagzeile der vergangenen Tage. Bei der Berlinale war Netflix erstmals mit einem Film vertreten – zum Missfallen vieler Kinobetreiber. Sie organisierten eine Protestaktion auf dem roten Teppich. Mit dabei war auch Leopold Winterhalder vom Krone-Theater in Neustadt. Was hinter der Demo steckt, hat er im Gespräch mit Wolfgang Scheu erläutert.

BZ: Wie ist es zu dem Protest auf dem roten Teppich gekommen – eine Aktion, die es sogar ins US-amerikanische Magazin "The Hollywood Reporter" geschafft hat.
Winterhalder: Mit dem Drama "Elisa y Marcela" von Isabel Coixet ist zum ersten Mal eine Netflix-Produktion bei der Berlinale gezeigt worden. Damit wurde eine rote Linie überschritten, die wir nicht hinnehmen können. Ein Filmfestival darf nicht zur kostenlosen Werbeplattform für Filme verkommen, die dann nur auf dem Bildschirm zuhause gesehen werden können. Die Berlinale ist ein Festival des Kinofilms. Das hat unser Verband, die AG Kino, sehr deutlich in einem offenen Brief an die zuständige Ministerin zum Ausdruck gebracht. Viele von uns wollten aber mit dieser Aktion einen Schritt weitergehen und Aufmerksamkeit für das Problem bei den Besuchern des Festivals wecken, indem wir unser Anliegen direkt auf den roten Teppich bringen. Und so standen wir unübersehbar da, während die Regisseurin und die Jurymitglieder über den Teppich liefen.


BZ:
Es sind doch Filmfestspiele und nicht Kinofestspiele – könnte man sagen. Geht es nur um die Vermarktung oder die Förderung und Prämierung von Schauspielkunst, Regie– und Kameraarbeit?
Winterhalder: Wenn es so wäre, dass Filmfestspiele nichts mit Kino zu tun haben, fragt man sich schon, warum 300 000 Menschen innerhalb von zehn Tagen die Filme der Berlinale in den Kinos der Stadt anschauen und nicht zuhause als Couchpotatos. Film und Kino gehören zusammen wie Konzert und Konzertsaal, Fußball und Stadion. Der Begriff Kino ist nicht geschützt, deshalb nennt jeder, der einen besonderen Filmgenuss suggerieren will, ihn großes Kino. "Montagskino" im Fernsehen – das ist doch ein Widerspruch in sich. Aber natürlich geht es bei der Berlinale um Vermarktung. Man will mit seinem Film Geld verdienen, was ja nichts Schlechtes ist, aber zuerst einmal müssen die enormen Kosten für die Produktion eingespielt werden. Selbst der günstigste Dokumentarfilm hat ein Budget von nahezu einer Million Euro, Spielfilme gehen weit drüber. Verdient wird in erster Linie mit dem Erlös aus der Kinoverwertung. Die Erlöse aus der Zweit- und Drittverwertung sind weit geringer. Streamingdienste zahlen im Promillebereich – und schon sind wir beim Thema Netflix. Streamingdienste haben kein wirtschaftliches Interesse daran, für Nobodys die Produktionskosten zu übernehmen. Sie picken sich sozusagen die Rosinen der Branche raus. Diese wurden aber in ihren jungen Jahren mit öffentlichen Geldern ausgebildet und gefördert. Es ist nicht einzusehen, dass der Steuerzahler die Kosten übernimmt und der Streamingdienst die Gewinne einstreicht.


BZ:
Hat der Protest Wirkung gezeigt?
Winterhalder: Ja, es hat etwas gebracht. Nicht ohne Grund waren wir plötzlich weltweit in den Medien zu sehen, weil man überall die Übermacht dieses internationalen Konzerns fürchtet. Wir sind noch nicht am Ziel, aber die Gespräche laufen. In Frankreich wäre das übrigens nicht möglich gewesen. In Cannes muss jeder Film eine Kinoauswertung in Frankreich nachweisen. Und für diese gilt per Gesetz eine Sperrfrist von drei Jahren, bevor ein Film eine Verwertung außerhalb des Kinos erfährt.


BZ:
Die Formate der Streamingdienste sind erfolgreich. Was spricht dagegen, Mini-Serien oder Spielfilme von Netflix & Co. in den Kinos zu zeigen?
Winterhalder: Das ist eine interessante und gute Frage. "Babylon Berlin" hat gezeigt, dass es nicht zwingend so ist, dass erfolgreiche Serien in Kino laufen. Es wurde mit viel Aufwand versucht, der Erfolg war niederschmetternd. Das hängt an viele Faktoren. Die Erzählweise eines Kinofilms unterscheidet sich fundamental von einer Serie. Der Stoff eines Kinofilms muss so verdichtet sein, dass es gelingt, einen Spannungsbogen über die 90 bis 120 Minuten zu erreichen. Er muss auch so gemacht sein, dass man bereit ist, dafür extra ins Kino zu gehen, einen geringen Betrag zu bezahlen und sich diese Geschichte erzählen zu lassen. Serien sind anders gestrickt. Hier kann man sich durchaus Längen erlauben, die man auf dem Sofa sitzend hinnimmt, aber einem Kinofilm nie verzeihen würde. Das hat nichts mit der Qualität der Produktion oder der Darsteller zu tun. Es ist eine andere Kunstform. Die eine gehört ins Kino, die andere ist für den Fernseher zuhause. Deshalb sind für mich Streamingdienste per se keine Feindbilder. Sie werden es nur dann, wenn mit unlauteren Mitteln versucht wird, auf Kosten des Zuschauers Filmfestivals als kostenlose Werbeplattform zu benutzen.