Überwältigendes Spiel

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

Di, 23. Juli 2019

Lörrach

Die Berliner "lautten compagney" mit Claudio Monteverdis Oper L’Orfeo beim Stimmen-Festival.

Herzog Vincenzo I. Gonzaga in Mantua wusste, wer er war und welchen Tribut er seinem politischen Ehrgeiz und seinem Ruf schuldet. "An Gelegenheiten, Pracht zu entfalten und damit Größe, Reichtum und Macht zu demonstrieren, mangelte es nicht" (Silke Leopold). Das erlebte auch Claudio Monteverdi, Violaspieler der Hofkapelle, und als der den herzoglichen Auftrag bekam, für den Karneval 1607 eine Oper zu liefern, war ihm klar, was er nicht liefern werde, nämlich das übliche Mantuaner musikalische Spektakel: Ballette, (auch Pferdeballette), Turnierspiele, Intermedien, musikalisch angereicherte Prologe. Er hatte nämlich schon 1599 auf einer Reise im Gefolge der Herzogs nach Flandern den canto alla francese gehört und wusste fortan, dass der seine Musik werden würde: Weg vom stile narrativo und hin zum stile espressivo in seinen zu komponierenden Favola per musica. Und was den Gesang betraf: Weg vom üblichen cantar parlando, dem Sprechend-Singen, hin zum parlar cantando, dem Singend-Sprechen, um, selbst in den recitativi espressivi, "den ganzen Menschen (zu) affizieren" (Monteverdi). Das gefiel einigen nicht, die ihn heftig kritisierten und seiner Musik die kompositorische Qualität absprachen.

Heute, gut vierhundert Jahre danach, wissen wir’s wirklich besser, und wer den Sonntagabend im Lörracher Burghof erlebte, wird das Spiel der Berliner und den Gesang der acht Solisten in bester Erinnerung behalten. Der Lautenist und Dirigent Wolfgang Katschner ist ein erfahrener Musiker, der genau weiß, wie jeder Takt zu verstehen ist, damit Monteverdis "concitato genere" (erregte Art) so erscheint, dass die "Spielarten" der Emotionen: Zorn, Mäßigung und Demut oder flehentliche Bitten (Monteverdi) glaubhaft-echt (und nicht bloß gespielt) erklingen. Monteverdi hat ja mit der Instrumentation: Chitarrone, Laute, Harfe, Cembalo, Regal, Trombone, Cornetto, Flöten, Streicher, Trommel, Tambourin eine Klangvielfalt gewollt, die eine imaginierte Realität erklingen lassen. Was den Abend so hörenswert machte, war die empfindsame Wachheit, mit der Katschner seine Musiker immer wieder "zur Sache" rief, vielmehr dirigierte, so dass bis zu den Schlussklängen die Spannung nicht nachließ und der Ensembleklang selbst dann noch wunderbar homogen blieb, wenn die fünf Posaunisten und beide Zinken (von Natur aus dominant) "eingriffen". Das so zu hören, war faszinierend.

Auf gleichem interpretatorischen Niveau das Gesangssolistenoktett: Gyula Orendt (Orfeo), Pia Davila (Euridice/Musica) und Ida Aldrian (Messaggiera/Proserpina), Georg Bochow (Speranza), Christian Pohlers und Martin Platz (Pastore), Cornelius Uhle (Plutone/Apollo) und Joel Frederiksen (Caronte), aus dem Orendt, Davila, Aldrian herausragten. Bewundernswert die Sensibilität und Souveränität, mit der Orendt seine "Rolle" gestaltete. Wie er zum einen seine Erregung als explodierendes Fortissimo rausschreit und zum anderen, beinahe Bach in der Johannes-Passion vorwegnehmend, sein "Tu sé morta ..." gleichsam morendo fast flüsterte. Plötzlich war in dieser Karnevalsmusik die momentane Stille da, in der die Welt eine andere wird, und die nur in Musik erreichbar ist. Überwältigend! Der Schluss der "Marienvesper" (1610) als mehr musikalisch denn thematisch passende Ergänzung. Langer, intensiver Schlussbeifall.