Unerwünschte Kritik

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Mi, 14. September 2022

Panorama

Ablehnende Äußerungen über die Monarchie werden dieser Tage in Großbritannien nicht gerne gehört.

. Schon in Schottland drängten sich am Montag Zehntausende, um den neuen König zu sehen – und ehrerbietig am Sarg seiner verstorbenen Mutter vorbeizuziehen. Auch in Nordirland, wo Charles III. am Dienstag Station machte, schlug ihm viel guter Wille entgegen. Doch nicht allen gefällt die Leidenschaft, mit der die Briten derzeit um die Queen trauern.

Selbst Irlands Republikaner, die der Krone gern Goodbye winken würden, äußerten ihr "ehrliches" Beileid zum Ableben der Queen. London rüstet sich derweil für die Ankunft von Millionen Gästen an der Themse vor dem großen Staatsbegräbnis in der kommenden Woche. 750 000 Menschen planen angeblich, in den nächsten Tagen zur Westminster Hall zu pilgern, wo die Queen am Mittwoch aufgebahrt wird.

Unterdessen läuft das große Programm von Abschied und Erneuerung auf allen Nachrichtenkanälen des Königreichs unentwegt weiter. "Unsere Trauer macht die ganze Nation wieder zu einer Familie", schrieb am Dienstag eine Kolumnistinin der königstreuen Times. Nicht ganz einfach ist es unter solchen Umständen, sich den allgemeinen Erwartungen zu entziehen. Es ist sogar riskant.

Das bekam ein Anwalt zu spüren, der am Parliament Square in Westminster vor dem dortigen Eintreffen von Charles ein leeres Blatt in die Höhe hielt und einen neben ihm stehenden Polizisten fragte, ob er auf das Blatt "Nicht mein König" schreiben könne. Der Polizeibeamte erklärte ihm, er würde ihn in einem solchen Fall verhaften müssen – weil er damit anderer Gefühle verletze, und das gehe nicht an.

Das Gespräch, das aufgenommen wurde und sich online wie ein Lauffeuer verbreitete, löste Gelächter aus, aber auch einige Bestürzung. Der Anwalt selbst, Paul Powlesland, nannte die Drohung lächerlich, warnte aber davor, dass durch solche Drohungen leicht andere Protestwillige eingeschüchtert würden. "Eine Periode stiller Trauer um die Königin ist ja ganz in Ordnung", sagte er. "Aber diese Periode zur Zementierung der Ernennung von Charles zum Monarchen zu benutzen und mit strafrechtlichen Mitteln angeblich respektlosen Widerspruch gegen die Thronfolge zu verfolgen, ist allerhand."

Tatsächlich war Powlesland zu Beginn dieser Woche nicht der einzige "Rebell". In Schottland wurde eine Frau festgenommen, die ein Poster mit den Worten "Scheiß-Imperialismus, schafft die Monarchie ab" mit sich herumtrug, sowie ein Mann, der die Windsors auf der Royal Mile aus der Menschenmenge heraus beschimpft hatte. In Oxford wurde ein Geschichts-Lektor namens Symon Hill verhaftet, der zufällig auf dem Heimweg die örtliche Proklamation des neuen Königs gehört hatte und spontan ausrief: "Von wem ist er denn gewählt worden?" Er solle gefälligst "die Klappe halten", riefen ihm die Umstehenden zu. "Uns ist ein Staatsoberhaupt ohne unsere Zustimmung aufgezwungen worden", erwiderte Hill darauf.

Für seine "Störung" wurde er in Gewahrsam genommen – nur um dann schnell wieder frei zu kommen, weil einer der höheren Polizeibeamten die Aktion seiner Leute als übereilt empfand. Auch die Metropolitan Police, die Polizei in London, betonte noch am gleichen Abend, natürlich habe "die Öffentlichkeit absolut ein Recht auf Protest". Die Labour-Abgeordnete Zarah Sultana hatte zuvor bereits erklärt: "Niemand sollte dafür verhaftet werden, einfach nur republikanische Ansichten zu äußern." Dass Republikanismus stets zur demokratischen Tradition im Königreich gehörte, hatte just vor ein paar Tagen die Enthüllung illustriert, dass die neue Tory-Premierministerin Liz Truss als junge liberaldemokratische Aktivistin noch mit aller Leidenschaft die Abschaffung der Monarchie gefordert hatte.

An solche Ansichten will Truss heute lieber nicht mehr erinnert werden. Stattdessen gehörte sie in jüngsten Jahren einer Regierung an, die das Demonstrationsrecht verschärft hat in England und Wales, auch was freie Meinungsäußerung angeht.

Die meisten Briten, die der Monarchie kritisch gegenüberstehen, halten diese Woche auch nicht für die richtige Zeit, um eine große Kron-Debatte loszutreten. Zu unruhig sei das Land, meinen sie.