Corona und der Tourismus

"Unser Gewerbe steht auf einer Stufe mit Prostitution"

Nadine Klossek-Lais

Von Nadine Klossek-Lais

Fr, 16. Juli 2021 um 18:15 Uhr

Titisee-Neustadt

Auf Einladung der SPD tauschten Unternehmer aus Titisee mit der Bundestagsabgeordneten Rita Schwarzelühr-Sutter über die Corona-Situation aus. Dabei sparten die Anwesenden nicht an Kritik.

"Ich habe festgestellt, es ist ja ganz schön was los hier", sagt Rita Schwarzelühr-Sutter. Sie blickt in die Runde. Hier – damit meint sie nicht etwa den Kursaal, der trotz Einladung des SPD-Ortsvereins relativ leer geblieben war. Sondern Titisee. Gefüllt mit Menschen, voller Leben. Als gäbe es dieses Corona gar nicht. In dieser Atmosphäre, draußen umgeben von Touristen, drinnen von Unternehmern, möchte die SPD-Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretärin wissen, wie es dem Tourismus in Corona-Zeiten ergangen ist. Was man aus der Pandemie lernen kann. Wo es hakt. Schließlich sei dieser ein "wichtiger Faktor".

Dass die Politik dies auch würdigt – an diesem Punkt ist man an diesem Nachmittag geteilter Meinung. In erster Linie könne erst einmal niemand etwas für die Situation, unterstreicht Klaus-Günther Wiesler vom gleichnamigen Seehotel. Doch er meint auch mit Blick auf die Unstetigkeit: "Storniert, gebucht, storniert, gebucht – das geht schon an die Substanz." Corona gehe an "keinem spurlos vorbei". Nichtsdestotrotz betont Wiesler, dass das Gastgewerbe hierzulande in Sachen Regierungshilfen Glück habe. "Wir haben gerade als Dehoga Baden-Württemberg Sachen durchgekriegt, die haben andere nicht", meint er. Die Soforthilfen seien schon früh angelaufen.

Europa-Park öffnet, Schwarzwald bleibt geschlossen

Thomas Edlefsen, Inhaber des Action Forest Kletterwald, sieht das etwas anders. "Seit Langem warten wir auf einen sechsstelligen Betrag", sagt er über die Finanzhilfen. Ihn ärgere, dass er in den Verordnungen in die gleiche Kategorie falle wie der Europa-Park. "Bei mir sind vielleicht 200 Personen auf drei Hektar", gibt er zu bedenken. Warum ein Freizeitpark im Rahmen eines Modellprojektes Tausende von Besuchern empfangen darf, während er zwangsweise geschlossen hat, stößt bei ihm auf Unverständnis.

Auch Jochen Brugger, Geschäftsleiter des Badeparadies Schwarzwald, findet die bisherigen Kategorisierungen fehlerhaft. "Im Stufenkonzept steht unser Gewerbe auf der gleichen Stufe wie die Prostitution", macht er deutlich. Für ihn sei das ein "falsches Signal". Schwarzelühr-Sutters Erklärung, es gehe in dieser Kategorie um "zu vernachlässigende Kontakte" kontert Brugger: Dann müsse man das auch so kommunizieren. "Das wird einfach nicht richtig dargestellt." Sein Kommentar zum Europa-Park: "Eine gefühlte Bevorteilung kann auch ich nicht von der Hand weisen."

Mit seiner Forderung, die Branche differenzierter zu betrachten, rennt Brugger offene Türen ein – auch bei der Bundestagsabgeordneten. Wichtig sei für Schwarzelühr-Sutter, dass die Regeln transparenter dargestellt und sie regional umgesetzt werden, aber nicht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht.

Ein Flickenteppich an Regeln

Von den unterschiedlichen Regelungen kann Fiede Edlefsen von Reiseleitung Schwarzwald ein Lied singen. Als Beispiel nennt er einen Bus, der von Köln in den Schwarzwald fahren sollte. Das Problem: Zu dieser Zeit war der Bustourismus in Rheinland-Pfalz untersagt. "Und dann mussten die einmal umrum fahren", macht er deutlich. "Das ist doch ein einziger Flickenteppich an Regeln." Schwarzelühr-Sutter gibt ihm Recht: "Ich fand es sehr unglücklich im vergangenen Jahr, dass – auch durch die Ministerpräsidenten, weniger die -präsidentinnen – ein Wettbewerb stattfand. Die Kanzlerin hätte viel früher bundesweit die Verantwortung übernehmen müssen."

Ein Problem, das nicht nur während Corona besteht, die Pandemie aber verschärft hat, ist der Fachkräftemangel im Gastgewerbe. "Es ist leichter, Gäste anzuziehen als Mitarbeiter", verdeutlicht Wiesler. Auch hier sieht er Verfehlungen in der Politik – zum Beispiel beim Thema Fachkräfte aus Drittländern. Die gesetzlichen Hürden würden die Einstellung von Menschen, etwa aus Afrika, erschweren. Denn wer hier arbeiten wolle, müsse eine Ausbildung nachweisen, die es in diesen Ländern gar nicht gebe. Das Ergebnis: Menschen, die bereits ihren Job beherrschen, müssen in Deutschland erneut eine Ausbildung absolvieren. "Das grenzt doch an Ausbeutung", meint er.

Von fehlenden Soforthilfen über fragwürdige Kategorisierungen und Fachkräftemangel, Hürden beim Arbeitsschutzgesetz bis hin zu einem flammenden Plädoyer für die Situationen von Familien in Corona-Zeiten von der SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Sandra Uecker: In anderthalb Stunden redeten sich die Anwesenden ihre Sorgen von der Seele. Ganz schön was los hier – es galt am Ende doch nicht nur für die Touristen am See.