UNTERM STRICH: Mysteriöser Bronzemann

Eckhard Stengel

Von Eckhard Stengel

Di, 02. Juni 2020

Kolumnen (Sonstige)

In Bremen ist ein anonymes Kunstwerk installiert worden / Von Eckhard Stengel.

Plötzlich war er da: ein bedrückt wirkender älterer Mann mit Wollmütze, der einen leeren Einkaufswagen vor sich her schiebt. Seit Tagen steht er so am Rande der Bremer Innenstadt. Unbeweglich. Denn er ist aus Bronze und ruht mit beiden Beinen wie festgeklebt auf einer provisorisch gegossenen Betonfläche. Woher er kommt? Niemand weiß es. Irgendein anonymer Bildhauer muss das lebensgroße Werk gegossen haben, um es zusammen mit einem echten (vermutlich gestohlenen) Einkaufswagen heimlich in den Wallanlagen zu installieren – unter Umgehung aller Genehmigungsvorschriften, die hierzulande für Kunst im öffentlichen Raum gelten.

Eine solch subversive Aktion stellt natürlich die Behörden vor schwere Herausforderungen. Eigentlich müssten sie den Bronzemann in Verwahr nehmen. Aber im liberalen Bremen findet sich fast immer eine flexible Lösung. So kommentierte Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) den Einwohnerzuwachs gelassen: "Es ist verrückt. Das ist Bremen. Kaum ist man zwei Tage irgendwo nicht gewesen, stellt man fest, dass dort hochklassige Kunst entstanden ist. Bisschen illegal und anarchisch, zugegeben, aber zumindest in diesem Fall kein Grund, die Skulptur zu beseitigen. Ich finde: Legalize it!"

Inzwischen gibt es ein erstes Lebenszeichen des Künstlers oder der Künstlerin: Laut Anzeigenblatt Weser-Report ist beim zuständigen Umweltbetrieb Bremen eine E-Mail eingegangen. Darin outet sich eine unbekannte Person als Schöpfer des Werks, um zu versichern, dass die Statue kein Sicherheitsrisiko darstelle. Dabei offenbart er oder sie genaues Täterwissen über die Art der Verankerung. Von Edelstahlgewindestangen sei da die Rede und von Injektionsmörtel, schreibt das Blatt.

Aber der Umweltbetrieb traut dem künstlerischen Frieden nicht und will die Statik überprüfen. So viel Ordnung muss sein.   Nicht geäußert hat sich der schöpferische Geist zu der Frage, was die Figur darstellen soll.