Die Akte Stephan E.

Verdächtiger im Mordfall Lübcke soll mit "Toten" gedroht haben

tja/dörn

Von Katja Bauer & Jan Dörner

Di, 18. Juni 2019 um 07:56 Uhr

Deutschland

Waffenbesitz, Drohungen und ein Anschlag auf ein Asylbewerberheim? Stück für Stück werden Informationen über den Verdächtigen im Fall des ermordeten Politikers Walter Lübcke bekannt.

Demnach ist Stephan E. schon seit den frühen 90er Jahren als gewaltbereiter Rechtsextremist bekannt und hat ein Vorstrafenregister. Deshalb konnte auch eine DNA-Spur vom Tatort in Wolfhagen zu dem Verdächtigen führen. Sein Name werde auch im Abschlussbericht des hessischen NSU-Untersuchungsausschusses genannt, berichtet die Tagesschau. Schon 1993 soll E. wegen eines Rohrbombenanschlags auf ein Asylbewerberheim in Hessen verurteilt worden sein.

Er sei im Umfeld der hessischen NPD aktiv gewesen und in diesem Zusammenhang wegen eines Angriffs auf eine Mai-Kundgebung der Gewerkschaften 2009 in Dortmund verurteilt worden, meldet der Spiegel. Die Süddeutsche Zeitung berichtet zudem von Delikten wie Körperverletzung und Waffenbesitz. Nach einer Verurteilung wegen Landfriedensbruchs sei er nicht mehr in Erscheinung getreten. Andererseits soll der Verdächtige auf dem Videokanal Youtube geäußert haben, wenn die Regierung nicht bald handele, werde es Tote geben. Der SWR berichtet, der Mann stehe der internationalen rechtsterroristischen Vereinigung Combat 18 nahe.

So setzt sich ein Verdachtsmosaik zusammen, das noch wenig über die Tat und den Tatverdächtigen sagt, aber ein Schlaglicht darauf wirft, was Experten im schlimmsten Fall von einer gewaltbereiten Szene mit internationalen Verflechtungen befürchten. Combat 18 wurde ursprünglich in England als Saalschutz der rechtsextremistischen British National Party gegründet und entwickelte sich zum internationalen Neonazi-Netzwerk. Die Gruppe ist in Deutschland schon seit dem Jahr 2000 verboten und gilt heute als paramilitärische Schwester der verbotenen Neonazigruppe "Blood & Honour".

Der Verfassungsschutz deckt immer wieder Aktivitäten von Combat 18 in Deutschland auf und sieht in jüngerer Zeit einen kontinuierlichen Aufbau fester Strukturen. Er schätzt die Akteure als extrem gefährlich ein – so dass auch die Spezialkräfte der GSG 9 im Kampf gegen die Neonazis eingesetzt werden. Zuletzt geschah das im Herbst 2017, als zwölf deutsche Angehörige der deutschen Sektion von Combat 18 bei der Einreise aus Tschechien kontrolliert wurden. Sie hatten im Nachbarland einen Schießstand besucht.
In einer früheren Version dieses Textes hieß es, die rechtsterroristische Vereinigung Combat 18 sei verboten. Tatsächlich ist nur die Neonazigruppe "Blood & Honour" verboten. Combat 18 gehört zu deren Netzwerk, wurde von dem Verbot aber nicht explizit erfasst.