Verkehrsexperte: Die Chancen für die Kandertalbahn stehen so günstig wie noch nie

Regine Ounas-Kräusel

Von Regine Ounas-Kräusel

Do, 06. Juni 2019 um 10:00 Uhr

Eimeldingen

Der Nahverkehrsexperte Ulrich Grosse referierte in Eimeldingen über die Chancen einer Reaktivierung der Kandertalbahn und deren mögliche Auswirkungen aufs "Chanderli".

Der Zeitpunkt, um eine Regio-S-Bahn im Kandertal durchzusetzen, ist so günstig wie nie. Diesen Eindruck vermittelte der Tübinger Nahverkehrsberater Ulrich Grosse bei einer Diskussionsveranstaltung der Nahverkehrsinitiative Kandertal am Dienstag in Eimeldingen. Wolfgang Schleef vom Verein Kandertalbahn sah allerdings Konflikte, wenn S-Bahn und Museumsbahn auf der selben Strecke fahren.

Günstiger Zeitpunkt
"Ich hege Sympathien für die Kandertal-S-Bahn", bekannte Ulrich Grosse. Als Verkehrsachse, die das Kandertal direkt mit Basel verbinde, sei sie interessant. Der studierte Mathematiker und Physiker aus Tübingen ist selbständiger Nahverkehrsberater. Er unterstützt Landkreise in Deutschland beim Aufbau von Bahn- und Busnetzen und berät bei grenzüberschreitenden Projekten, wie dem Busnetz zwischen dem deutschen und dem Schweizer Rheinfelden.

Angesichts des Klimawandels wolle das Land den öffentlichen Nahverkehr fördern, berichtete Grosse. Ziel sei, dass auf jeder Bahnstrecke täglich von sechs bis 24 Uhr mindestens stündlich ein Regionalzug verkehren soll. Mit einem weiteren Förderprogramm wolle das Land 15 stillgelegte Nebenstrecken wiederbeleben, so Grosse. Bekanntlich ist die Kandertalstrecke schon in der engeren Auswahl für die Reaktivierung. Heimo Schöpflin von der Nahverkehrsinitiative erinnerte daran, dass auch der Kreistag die Kandertal-S-Bahn voranbringen wolle. Tatsächlich beschloss der Kreistag im November, Geld für eine Wirtschaftlichkeitsstudie bereitzustellen.

Autofahrer zum Umstieg bewegen
Grosse warb für intelligente Verkehrskonzepte, bei denen die Bahn als schnelle Verkehrsachse mit Bussen verknüpft wird, die die Menschen in die Fläche transportieren. Autofahrer würden am ehesten umsteigen, wenn es einen Halbstunden- oder mindestens einen Stundentakt und zügige Anschlüsse gebe. Man müsse mit einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern zum Ziel kommen.



Das Beispiel Weißenhorn
Als Beispiel nannte er die zwölf Kilometer lange reaktivierte Bahnstrecke von Ulm nach Weißenhorn. Anstelle eines Busses, der eine Stunde brauchte, fährt die Bahn die Strecke in 27 Minuten. Busse bringen die Menschen von zwei Knotenpunkten aus in die die Dörfer. Inzwischen habe die Bahn täglich 2000 Fahrgäste, so Grosse. Auch eine Rümmingerin wünschte sich einen Halbstundentakt nach Basel. Wegen flexibler Arbeitszeiten der großen Firmen müsse man an manchen Tagen sogar zweimal reinfahren, sagte sie. Der 55er Bus genüge da nicht.

Die Diskussion
Albert Schmidt bezifferte die Kosten für eine S-Bahn im Kandertal auf 30 Millionen Euro. Er drängte darauf, mit Planung und Bau sofort zu beginnen. Der Zeithorizont bis 2040, den die Agglo Basel und der Regionalverband anstreben würden, sei zu lang, sagte er. Kreisrat Ulrich May erinnerte daran, dass das Land beim Bau der S-Bahnstrecke im Wiesental 85 Prozent der Kosten übernommen habe. Zur Sprache kam auch, dass die S-Bahn die Siedlungsentwicklung im Tal beeinflussen würde. Bekanntlich wollen die Bürgermeister in einem Leitbild unter anderem dazu eine einheitliche Linie finden. Ulrich Grosse empfahl, entlang der Bahnlinie verdichtet zu bauen. Auch Heimo Schöpflin schlug vor, Flächen innerhalb der Dörfer zu bebauen. Niemand wolle ein geschlossenes Siedlungsband entlang der Bahn wie im unteren Wiesental. Vor allem das Auto trage zur Zersiedlung der Landschaft bei.

Konflikte mit der Museumsbahn?
"Wir erwirtschaften mit unserer Museumsbahn das Geld, um die Strecke zu erhalten", hielt Wolfgang Schleef vom Verein Kandertalbahn fest. Er berichtete, mit wie viel Herzblut die Bahnenthusiasten seit 30 Jahren historische Loks und Waggons instand setzen. Mit der S-Bahn könnten diese Züge schwerlich auf den gleichen Gleisen fahren, sagte er: Die Bahnen führen unterschiedlich schnell. Es sei gefährlich, wenn eine S-Bahn mit Wasserstoffantrieb in die Nähe einer feuerbetriebenen Dampflok komme. Vor allem aber seien die Auflagen, die die Museumsbahn auf einer S-Bahnlinie erfüllen müsste, für ihren Verein nicht zu bewältigen. Schleef brachte die Idee ins Spiel, neben dem Kanderner Bahnhof einen extra S-Bahnhalt zu bauen. Mitglieder der IG pro Kandertalbahn und Heimo Schöpflin versicherten ihm: Es sei der politische Wille aller, S-Bahn und Museumsbahn unter einen Hut zu bringen.