Interview

Verkehrsexperte über Staus aus dem Nichts: "Jeder möchte der Schnellste sein"

Sonja Zellmann

Von Sonja Zellmann

Sa, 25. Juli 2020 um 04:45 Uhr

Neues für Kinder

Bald sind Ferien und viele Urlauber werden wieder im Stau stehen. Wie es zu einem Stau kommt und was man dagegen machen könnte, darüber hat Sonja Zellmann mit dem Physikprofessor Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen gesprochen.

BZ: Sie sind Professor für die Physik von Transport und Verkehr. Was genau erforschen Sie?
Schreckenberg: Wir untersuchen Dinge, die sich bewegen. Das können zum Beispiel Sandkörner sein, Daten im Internet oder Tiere – aber hauptsächlich beschäftigen wir uns mit Verkehrsmitteln wie Autos, Zügen und Flugzeugen. Wir simulieren Verkehr im Computer und versuchen so nachzustellen, was auf der Straße passiert. Wenn wir das verstanden haben, können wir auch Sachen simulieren, die es noch gar nicht gibt, zum Beispiel wie der Verkehr auf einer Straße fließen wird, die irgendwo neu gebaut werden soll. Besonders interessiert uns allerdings, was passiert, wenn ein Stau entsteht.

BZ: Wie entsteht denn ein Stau?
Schreckenberg: Ein Stau kann entstehen, wenn eine Straße verengt wird oder Spuren wegfallen, zum Beispiel wegen eines Unfalls oder einer Baustelle. Dann hat der Stau einen konkreten Grund. Wir interessieren uns aber eher dafür, warum ein Stau ohne Grund entsteht – wie aus dem Nichts. Denn das passiert ständig. Dazu kommt es, wenn sich sehr viele Autos zur selben Zeit in dieselbe Richtung bewegen und es auf der Straße eng wird.

BZ: Das heißt, eigentlich wollen alle fahren und doch kommt der Verkehr einfach so zum Stehen?
Schreckenberg: Ja. Aber nicht einfach so, sondern weil sich die Menschen gegenseitig behindern. Denn jeder will der Schnellste sein. Wenn zum Beispiel jemand auf der vollen Autobahn dauernd die Spur wechselt, weil er denkt, er käme so schneller voran, führt das dazu, dass die anderen, denen er unbedacht vor die Nase fährt, immer wieder abbremsen müssen. Wenn Menschen im Auto unterwegs sind, denken sie oft nur an sich selbst. Sie wollen vorwärtskommen – was hinter ihnen passiert, ob es sich da staut, ist ihnen egal. Doch wenn einer bremsen muss, muss auch der dahinter bremsen und immer so weiter, was irgendwann dazu führt, dass der Verkehr stehen bleibt.

BZ: Könnten computergesteuerte Autos helfen, Staus zu verhindern?
Schreckenberg: Wenn die Autos miteinander vernetzt wären und sich auf diese Weise darauf einigen könnten, wer wo wann fahren darf, könnte das helfen, ja. Dann würden beispielsweise alle gleichzeitig beschleunigen, bremsen oder die Spur wechseln. Schon ab wenigen Prozent an vernetzten Autos wirkt sich das positiv aus.

BZ: Es gibt Stauexperten, die mit Ameisenstraßen forschen. Sie auch?
Schreckenberg: Ich selbst habe das noch nicht getan, kenne aber die Ergebnisse solcher Forschung. Ameisen sind toll, die kennen keinen Stau, denn sie arbeiten auf ihren Straßen gut zusammen. Anders als Menschen schauen sie auch darauf, was hinter ihnen passiert. Wenn sie merken, dass es sich hinter ihnen staut, laufen sie einfach schneller, damit sich der Stau wieder auflöst. Oder sie scheren aus der Reihe aus, wenn sie dazu zu langsam sind.