Erdwärme

Versuch Nummer 2 für die Geothermie in Südbaden

Bernward Janzing

Von Bernward Janzing

Mo, 22. Februar 2021 um 10:29 Uhr

Südwest

Nach dem jähen Ende 2005 gibt es in Südbaden neue Vorstöße zur Geothermie. Jetzt wird kleiner geplant als beim ersten Mal – es geht nur noch um Wärme- und nicht um Energiegewinnung.

Der jüngste Vorstoß ist eine Art Déjà-vu. Denn plötzlich sieht man sich wieder im Mai 2005. In jenen Tagen, als Badenova in Freiburg ihre "Erdwärmestrategie" präsentierte. Als sie in Stichworten Pläne skizzierte, deren wichtigster die "Sicherung der potenziellen Erdwärme-Standorte" war. Man definierte "Aufsuchungsgebiete", plante eine "Machbarkeitsstudie" und wollte weit hinab in die Tiefen der Erdkruste: "Projekt mit Zielhorizont 7 000 Meter bietet die besten Chancen".

Der Enthusiasmus der Nullerjahre ist abgeklungen

Die Szene der Geothermiker war euphorisch in dieser Zeit, bundesweit. Denn im August des Vorjahres hatte die Bundesregierung die Förderung für Erdwärmekraftwerke mächtig aufgestockt. Selbst aus Island, dem Land der Geothermie, streckten Unternehmen nun ihre Fühler nach Deutschland aus. Eine Firma mit Sitz in Reykjavík wollte auch in Kehl – zusammen mit Badenova – Strom und Wärme erzeugen. "Bohrungen mit ungewissem Ausgang gehören bei uns zum Geschäft", sagte der Abgesandte der Firma kühn, "in Island ist das ein alter Hut."

Doch die Geologie ist mitunter perfide. Und so kam es bald im Oberrheingraben zum großen Knall – im wahrsten Sinne. In Basel, wo ein Erdwärmekraftwerk schon weit fortgeschritten war, wo Bohrungen bereits bis 5000 Meter abgeteuft waren, bebte um den Jahreswechsel 2006/2007 mehrfach die Erde bis Stärke 3,4. Hunderte von Gebäuden wurden beschädigt; es war der Tiefschlag schlechthin für die Geothermie. Das international beachtete Projekt "Deep Heat Mining" wurde jäh gestoppt.

Am schwersten wog in jenen Tagen das Imageproblem, denn mit Erdbeben solcher Stärke hatten die Verantwortlichen nicht gerechnet. Zwar hatten sie zu Beginn eingeräumt, es könnten kleine Beben entstehen, doch seien diese "angesichts der Schwäche der Erschütterungen in der Regel nicht wahrnehmbar". Damit stand nun die Kompetenz einer ganzen Branche öffentlich in Frage.

Zumal Basel nicht alleine blieb. Auch am Erdwärmekraftwerk Landau in der Pfalz wurden Beben bis Stärke 2,9 gemessen. Der verzweifelte Hinweis der Branche darauf, dass im bayrischen Molassebecken einige Kraftwerke problemlos laufen, wirkten aus Sicht des geologisch komplexen Oberrheingrabens eher bizarr.

Doch nach fast anderthalb Jahrzehnten scheint es, als habe die Zeit die Wunden geheilt. Und so wagte im November Badenova einen zweiten Aufschlag.

Erdbeben in Basel und Straßburg sind für die neuen Pläne nur mäßig relevant

Manche Formulierung kommt bekannt vor: Man habe "eine Aufsuchungserlaubnis zur Erkundung der Tiefengeothermie-Potenziale" beantragt. Diese betrifft die Region zwischen Freiburg, Breisach und Müllheim, umfasst 19 Kommunen. Dumm nur: Unmittelbar nach dem neuerlichen Badenova-Vorstoß bebte im Dezember auch beim Erdwärmeprojekt in Straßburg die Erde – dort sogar mit Stärke 3,6. So wurde auch dieses Vorhaben umgehend eingestellt.

Ein schlechtes Omen also für die Badenova-Pläne? Nur bedingt. Denn die Probleme in Basel und Straßburg sind für die aktuellen Vorhaben nur mäßig relevant. Inzwischen nämlich backt man in Südbaden erheblich kleinere Brötchen – von der Stromerzeugung hat man sich stillschweigend verabschiedet, es geht jetzt allein um die Wärme.

Dafür reichen deutlich geringere Wassertemperaturen und folglich geringere Bohrtiefen. Zwischen 2 000 und 3 500 Meter lägen heute "die geologischen Reservoire, die für eine geothermische Nutzung interessant sind" erklärt Badenova auf Anfrage. Das hört sich schon anders an als die 7 000 Meter von einst. Man setzt nur auf Temperaturen um 100 Grad, hofft bis zu 50 Megawatt an Wärmeleistung fördern zu können. Im ersten Schritt soll diese Wärme in bestehende Netze eingespeist werden.

Den Strategiewechsel weg von der Stromerzeugung, hin zur reinen Wärme, hatte zuvor auch schon die Landespolitik vollzogen – auch wenn diese sich ziert, das allzu offen zu kommunizieren. Verklausuliert beschreibt den Gesinnungswandel auch das Landesforschungszentrum Geothermie mit Sitz am KIT in Karlsruhe: Man wolle nun "die bisherige Fokussierung auf den Stromsektor bei der tiefen Geothermie um den Wärmesektor ergänzen".

Die Stromerzeugung mit Geothermie ist in Südbaden wohl gescheitert

Doch es geht nicht ums "Ergänzen". Ehrlich wäre das Eingeständnis, dass die Stromerzeugung aus Geothermie am Oberrhein einstweilen grandios gescheitert ist. Denn aus heutiger Sicht ist sie völlig unwirtschaftlich. Darauf weist auf Nachfrage auch Badenova hin: Es müssten "sehr hohe zusätzliche Investitionen für eine Stromerzeugungsanlage" getätigt werden, weshalb man im betreffenden Untersuchungsgebiet "keine Wirtschaftlichkeit für derartige Investitionen" sehe.

Mit Blick auf die bisherigen Projekte kann man diese Feststellung wohl auf ganz Baden-Württemberg ausdehnen. Beispielhaft belegte dies schon das älteste deutsche Projekt zur geothermischen Stromerzeugung. Es befindet sich in Bad Urach am Fuße der Schwäbischen Alb. Ab 1977 hatte man dort über Jahrzehnte hinweg immer wieder gebohrt mit dem großen Ziel der Stromerzeugung. So versenkte man Millionen um Millionen im Untergrund – und hat inzwischen kapituliert. Selbiges taten in Bühl die Stadtwerke, die nach der Jahrtausendwende ein Kraftwerk mit zehn Megawatt elektrischer Leistung installieren wollten. Und auch Badenova machte viele Rückzieher, etwa in Ettenheim, in Kehl und an weiteren Standorten.

Das nach wie vor einzige Erdwärmekraftwerk Baden-Württembergs ging 2009 in Bruchsal in Betrieb. Die Produktionszahlen der Anlage sind allerdings so gering, dass die Betreiberfirma EnBW sie nicht einmal nennen mag. Nur eine Datenbank der Branche zeigt: Die Werte sind erbärmlich.

Notgedrungen setzt man nun im Land allein auf die Wärme. Die könnte tatsächlich bessere Chancen haben als die Stromerzeugung. Schließlich nutzt man nun auch wegen der geringeren Bohrtiefen ein einfacheres Betriebsverfahren. Ursprünglich hatte man am Oberrhein, so auch in Basel, große Hoffnungen auf das Prinzip Hot-Dry-Rock (HDR) gesetzt. Bei diesem wird – anders als in der hydrothermalen Geothermie – nicht warmes Tiefenwasser genutzt, sondern es wird die Wärme des trockenen Tiefengesteins im Stil eines Durchlauferhitzers angezapft. Dieses Gestein muss zuvor aber mit Wasserdruck aufgebrochen werden – eine Art Fracking.

Bei hydrothermalen Verfahren hingegen müssten keine Klüfte mit hohem Druck erzeugt werden, versucht nun Badenova zu beruhigen. Daher sei dort "das seismische Risiko im Vergleich zu HDR-Verfahren um ein Vielfaches geringer". Es werde bei den geplanten Projekten "zu keiner spürbaren Seismizität kommen", und es werde sich auch "die Häufigkeit von natürlichen seismischen Bewegungen oder Erdbeben weder erhöhen noch verringern". Möglich also, dass die Sache mit der Wärme, anders als jene mit dem Strom, mancherorts zum Erfolg führt.

Hilfreich könnte dabei sein, dass inzwischen ein Realismus eingekehrt ist, wie er vielen Akteuren im Mai 2005 noch fremd war – auch hinsichtlich der erschließbaren Potenziale. Ein Blick auf die atemberaubenden Prognosen von damals sei erlaubt: Badenova zitierte seinerzeit Potenziale der Geothermie in Deutschland von 290 Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr. Doch erzeugt werden bislang – vornehmlich in Bayern – weniger als 0,2 Milliarden. Die Windkraft an Land hingegen, deren Potenzial damals lediglich auf 45 bis 55 Milliarden Kilowattstunden taxiert wurde, hat inzwischen locker die Marke von 100 Milliarden überschritten.

Wer solch alte Szenarien der Energiewirtschaft betrachtet, stellt immer wieder fest, dass die Erdwärme in den vergangenen 20 Jahren der einzige Sektor der Erneuerbaren war, der stets unter seinen Prognosen blieb. Und zwar drastisch. Ob sich das mit dem neuen Vorstoß in Südbaden nun erstmals ändern wird, das ist die spannende Frage.