Glaubensleben

Videos und Keyboardklänge – So feiert eine Freikirche im Hotzenwald Gottesdienste

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Mi, 09. September 2020 um 19:00 Uhr

Bad Säckingen

Vor 24 Jahren hat Theo Ehemann hat die evangelikale Freikirche Netzwerk 43 im Hotzenwald gegründet. Heute gibt es Ableger in Todtmoos und Tiengen, bald auch in Rheinfelden. Die BZ hat ihn besucht.

Ein seltener Beruf, ein außergewöhnliches Handwerk oder eine Arbeit, hinter der eine unkonventionelle Idee steckt: In einer Serie fragt die BZ Menschen, wie sie zu dem kamen, was sie heute tun.

Statt Talar, Jeans und Sneakers

Rockige Rhythmen dringen aus dem Gebäude, das auf einer Anhöhe in Segeten liegt. Drinnen summen und klatschen Männer und Frauen, die meisten unter 60, zur Gitarrenmusik, lächeln und wiegen sich im Takt. "Jesus, Du alleine bist der Weg, alles, was Du sagst, glaube ich", betet die Frau auf der Bühne. Zustimmende Wows sind im Publikum zu vernehmen. Dann tritt Pastor Theo Ehemann (57) auf die Bühne – und sieht so gar nicht aus, wie man sich einen Geistlichen vorstellt: Er trägt eine modischen Sidecut-Frisur, Jeans, ein schwarzes Blouson und Sneakers.

Und auch seine Predigt ist so ganz anders wie die der etablierten Kirchen. Er erzählt von der Geburt seiner Tochter und wie das Baby, als er es nach einer schweren Geburt zum ersten Mal sah, merklich den Kopf hob. "Damals habe ich gelernt, dass Menschen ihr Haupt heben wollen. Die Corona-Krise ist dazu da, dass Du an der Herausforderungen wächst." Immer wieder betont er, dass es Ziel jedes Menschen sein sollte, den anderen zum Helden zu machen und nicht in erster Linie sich selbst. "Groß ist, wer andere groß macht. Anderen zu helfen, das ist Gottes Ziel". Applaus braust auf. Bei Stellen, die besonders gefallen, rufen die Versammelten "Jaah". Hinter Theo Ehemann flimmern Videos über die Leinwand. Mal sind es Schmetterlinge, mal lachende Menschen, mal Landschaften. Zum Gebet spielt die Keyboarderin sanfte Melodien.

"Unsere Kirche soll kraftvoll und zeitgemäß sein." Theo Ehemann
"Unsere Kirche soll kraftvoll und zeitgemäß sein", sagt Theo Ehemann nach der Predigt. Vor 24 Jahren hat er die evangelikale Freikirche Netzwerk 43 auf dem Hotzenwald gegründet. "Wir wollen eine Kirche für Menschen bauen, die nicht mehr zur Kirche gehen, und stellen die gute Nachricht von Jesus Christus in einen modernen Kontext." Deshalb die neuen Gottesdienstformen, deshalb der peppige Predigstil. Er sieht sich aber in der evangelischen Tradition: "Martin Luther hat gesagt, man müsse dem Volk aufs Maul schauen." So zeitgemäß die Freikirche daher kommt, bei Themen wie Homosexualität ist sie eher auf der Linie der katholischen wie der evangelischen Kirche von heute, die etwa in Baden die Homoehe akzeptiert.

Theologiestudium in den USA

In seiner Jugend war nicht absehbar, dass Theo Ehemann einmal vor einer Gemeinde stehen wird und predigt: Nach der elften Klasse ging er vom Gymnasium ab, machte eine Maurerlehrer. "Meine Mutter sagte immer, Theo ist praktisch veranlagt", erzählt er. In den 1980er Jahren hatte er, wie er sagt, eine Begegnung mit Gott – und entschied sich, Pastor werden zu wollen. Er erhielt in den USA die Chance, auch ohne Abitur an einer Hochschule Theologie studieren zu können. "Auf meinem Lebensweg sind mir immer Menschen begegnet, die mich gefördert haben", sagt er. Auch schon, als er in Freiburg aufwuchs und mit acht Jahren seinen Vater verlor. "Ich habe gespürt, dass die Kirche für mich da ist. Das will ich weitergeben". Mit seiner Frau, einer Kanadierin, kehrte er nach Studium und erster Predigerstelle nach Deutschland zurück – mit dem Ziel, eine Kirche aufzubauen. "Hier, das ist meine Frau", sagt er und nimmt eine gepflegte Dame in den Arm.

550 Besucher kommen regelmäßig

Theo Ehemanns Händen ist anzusehen, dass sie zupacken können. Als er damit begann, die Freikirche aufzubauen, arbeitete er nebenher auf dem Bau. "Sonst hätte das Geld nicht gereicht." Heute umfasst Netzwerk 43 drei Gemeinden – in Segeten, Tiengen und Todtnau – mit 550 regelmäßigen Gottesdienstbesuchern. Die Kirche engagiert sich auch in sozialen Projekten. In Rheinfelden soll eine neue Gemeinde entstehen. Die Freikirche finanziert sich aus Spenden. Auch Sohn Benjamin (25) assistiert seinem Vater bei den Predigten. Auf der Bühne entfaltet sich ein Dialog zwischen den beiden über Glaubensfragen. Immer wenn der Vater, etwas sagt, was dem Sohn gefällt, nickt der, sagt: "So gut, so gut."