Viel Theater, viel Musik, viel Spaß

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 17. Februar 2019

Kultur

Der Sonntag Sie ist bekannt als "die Krankenschwester, die mit ihrem großen Erbe den Kulturtempel Tempodrom gründete". Dass zu Irene Mössingers Leben noch weit mehr gehört, will sie in Freiburg erzählen .

Nina Hagen wohnte einst in ihrer Zeltwelt, Wim Wenders ließ sein "Himmel über Berlin" dort spielen: Der zeltförmige Berliner Kulturtempel "Tempodrom" ist untrennbar mit Irene Mössinger verbunden. Mit einer literarischen Autobiografie aus einem auch abseits des Tempodroms aufregenden Leben kommt Mössinger nach Freiburg.

Der Sonntag: Liegt Berlin für Sie am Meer, Frau Mössinger? So haben Sie Ihr Buch genannt . . .

Ich bin ja am Meer aufgewachsen, in Spanien, ich habe das Buch mit Blick aufs Meer geschrieben. Das Meer und Berlin haben mich immer inspiriert, Berlin ist eine Stadt mit sehr viel Wasser. Es geht mir um Inspiration und um Heimat. Für mich liegt Berlin am Meer. Und bietet ein "Meer der Möglichkeiten".
Der Sonntag: Eine Mutter packt plötzlich das Fernweh, Sie und Ihre Schwester wachsen deswegen in Spanien auf: Lässt sich hier schon der freie, wagemutige und unruhige Geist erkennen, der Sie später zur Hausbesetzerin und zur Zirkusgründerin werden lässt?

Prägend war diese Kindheit mit ihrem Freiheitsgefühl und dem Abenteuerdrang für mich auf jeden Fall. Aus ihr entstand die Energie, mit der ich mit vielen kreativen Menschen das Tempodrom erschaffen konnte.
Der Sonntag: Anekdoten, die aus einer Erzähler-Perspektive geschrieben sind, wechseln sich mit Einordnungen von Ereignissen in der Ich-Form ab. Warum haben Sie diese literarische Form gewählt?

Diese Anekdoten sind für mich wie Filme. Erinnerungen, die bildhaft entstanden. Der in Ich-Form geschriebene Teil sind Reflexionen oder durch die Rückkehr an Stationen der Vergangenheit Aufgetauchtes.
Der Sonntag: Sie waren Krankenschwester, überlegten, Ihr Erbe für Soziales einzusetzen, und steckten es in ein Kulturprojekt. Haben Sie ein Helfersyndrom?

Starkes soziales Engagement ja, Helfersyndrom würde ich nicht sagen. Die Ausbildung zur Krankenschwester im größten und wildesten Krankenhaus Kreuzbergs war für mich ein Glücksgriff. Ich wollte nicht studieren, ich wollte arbeiten. Und wir waren politisch, wir wollten die Welt verändern.
Der Sonntag: Hatten Sie mit Ihrem Millionenerbe nie die Angst, ausgenutzt zu werden? Oder das Bedürfnis, es eigennütziger einzusetzen?

Es war eben eine Zeit, in der es nicht um Selbstoptimierung ging. Wir hatten das größere Ganze im Auge. Wir kamen in den 70ern aus einer Zeit, die sehr starr war, und wir waren Teil einer Wandlung der Gesellschaft. Wir empfanden eine Verantwortung, uns zu engagieren.
Der Sonntag: Von den Anfängen an gibt das Tempodrom ein sehr buntes Bild ab: Aufhorchen ließen Namen wie Nina Hagen, die Einstürzenden Neubauten, Ton Steine Scherben. Aber es gab auch neue Formen von Zirkus, Kinderprogramm und Klassik . . .

Wir wollten nicht nur eine Nische bedienen. Damals gab es nur die Hoch- und ganz wenig Off-Kultur, das fing erst an. Wir waren auch Versammlungsort, etwa für die Gründer der taz . Bei uns traten Leute auf, die in etablierten Theatern abgelehnt wurden. Wir haben englischsprachige Theater engagiert, die ich mir vor Ort angesehen hatte. Und später machten wir mit dem "Heimatklänge"-Festival Weltmusik-Furore.
Der Sonntag: Die sogenannten "Revuen" verdichteten diese Genre-Vielfalt an einzelnen Abenden . . .

Das war völlig neuartig, etwa Kabarett mit Rockmusik zu verknüpfen. Gleich bei unserer ersten Gala traf Eric Burdon in der Manege auf Artisten und den Letzten der Comedian Harmonists, es waren insgesamt 140 Künstler. Viel Theater, viel Musik, viel Spaß.
Der Sonntag: Und die Rentabilität war auch gegeben?

Das war mal so, mal so. Mal hatte man Glück, mal nicht. Ich hatte sicher oft einen guten Riecher, mal war es aber zu sehr Avantgarde, wir kamen zu früh oder zu spät mit unserem Angebot.
Der Sonntag: Das Tempodrom musste mehrfach umziehen, heute ist es kein Zelt mehr, sondern ein fester Bau in Zeltform. Dessen Kosten gingen rund ein Drittel über die veranschlagte Summe hinaus, Sie hatten sich sogar wegen Untreue vor Gericht zu verantworten, wurden freigesprochen. Wenn Sie heute die Beliebtheit des Tempodroms und die Preissteigerungen bei anderen öffentlichen Bauten sehen, verspüren Sie dann Genugtuung?

Es war ein Politikum. Der Bankenskandal, der zum Sturz von Eberhard Diepgen führte, ging voraus. Es war ein Vorstoß von eher konservativen Kräften, die eine eher geringfügige Kostenerhöhung zu einer Abrechnung nutzten. Es ging letztlich um den SPD-Bausenator Peter Strieder, der das Tempodrom als Bauprojekt auch nur "geerbt" hatte. Den wollten sie weghaben. Es war. . . nicht schön. Aber so ist es manchmal im Leben.
Der Sonntag: Und heute machen Sie Pferdetherapie in Brandenburg, leben aber teilweise noch in Berlin. . .

Schon während der Tempodrom-Zeit hat mich das Thema Krankheit und Heilung nicht losgelassen, ich hatte auch immer mit Pferden zu tun. Aber eigentlich will ich weiterschreiben und mache das auch.
Der Sonntag: In Freiburg werden Sie nicht nur lesen, sondern auch Filme zeigen. Auch drei Musiker sind dabei?

Ich habe Filme zusammengeschnitten, schon aus meiner Hausbesetzer-Zeit, aber auch vom Tempodrom an seinen verschiedenen Standorten. Und wir haben drei Musiker, die Gitarristin Claudia Fierke, den Perkussionisten Steffen Nitzel und die Trompeterin Sabine Erklentz.
Das Gespräch führte OTTO Schnekenburger
Irene Mössinger, Berlin liegt am Meer, Lesung mit Filmen und Musik, Samstag, 23. Februar, 20 Uhr, Jos-Fritz-Café (Wilhelmstraße 15/1). Eintritt 10, ermäßigt 8 Euro, Vorverkauf unter 0761/26877 oder vorverkauf@josfritz.de