Viele finden keinen Hausarzt

Monika Olheide

Von Monika Olheide

Mo, 19. Oktober 2020

Waldshut-Tiengen

Laut Bedarfsplanung ist der Landkreis Waldshut ausreichend versorgt / Dennoch wird sich die Lage in Zukunft verschärfen.

. Immer mehr Menschen in unserer Region haben keinen Hausarzt mehr. Oft weil sie in der näheren und weiteren Umgebung ihres Wohnorts keine Praxis finden, die noch neue Patienten annimmt. Dieses Problem ist der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) bekannt. "Das sehen auch wir mit Sorge", bestätigt Sprecherin Eva Frien auf Anfrage.

Gibt es in den Landkreisen Waldshut und Lörrach eine Unterversorgung? Nein. Zumindest nicht nach der jährlichen Bedarfsplanung der KVBW für 2020. Denn hier finden sich für alle Kreise und Regionen in Baden-Württemberg, die jeweils den "Planungsbereichen" entsprechen, die Versorgungsgrade mit Haus- und Fachärzten. Und diesen Werten zufolge sieht es in den Landkreisen Waldshut und Lörrach laut Frien "noch ganz gut aus". Ein Versorgungsgrad von 100 Prozent entspricht dem angestrebten Soll-Wert: der bundesweit einheitlich definierten Vollversorgung der Region mit Allgemeinmedizinern, das sind derzeit 1609 Einwohner je Hausarzt. Unsere Region gilt darum derzeit keineswegs als Problemgebiet. Im Landkreis Lörrach liegt der Versorgungsgrad über 100 Prozent und auch im Landkreis Waldshut ist man mit 93,75 Prozent noch weit vom Grenzwert von 75 Prozent entfernt, der laut Bedarfsplanung als Unterversorgung gilt. Denn: Geht man von der Einwohnerzahl des Landkreises Waldshut aus, teilen sich hier rein rechnerisch 1710 Einwohner einen Hausarzt. Im westlichen Nachbarkreis Lörrach sind es 1634. Nach dieser einfachen Rechnung müsste eigentlich alles gut sein.

Warum finden Menschen

keinen Hausarzt?

Klarer wird die Problematik, wenn man sich die regionalen Gegebenheiten ansieht. So gibt es im Waldshuter Kreisgebiet mehrere Gemeinden ganz ohne Hausarztpraxis im Ort, wie beispielsweise Dachsberg oder Dettighofen. Andernorts, vor allem in den großen Städten am Rhein, praktizieren gleich mehrere Allgemeinmediziner. In Bad Säckingen sind es laut Versorgungsbericht 2020 der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg 13, in Waldshut-Tiengen acht Ärzte, die die hausärztliche Betreuung von Patienten übernehmen.

Wie wird der Sollwert festgelegt?
Wie der Versorgungsgrad festgelegt wird, hat einen Haken. Das kann die angespannte Situation auch hier in der Region erklären. "Die Zahl basiert nicht auf einer Versorgungsanalyse, sondern ist von der Politik vorgegeben worden, um den Kostenanstieg im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen und die Zahl der niedergelassenen Ärzte zu begrenzen zu einer Zeit, als die Zahl noch zu hoch war", sagt Eva Frien. Übersteigt der Versorgungsgrad an Hausärzten 110 Prozent, darf sich kein weiterer Hausarzt niederlassen. Das gilt bis heute bundesweit und ist ein aus politischer Sicht gutes Mittel der Regulation – allerdings aus einer Zeit, in der es viele Mediziner gab, die sich niederlassen wollten.

Wie wird dem Problem

entgegengesteuert?

Mittlerweile ist klar: Der Ärztemangel ist Realität, vor allem in ländlichen Regionen wie am Hochrhein. Dort ziehen zusätzlich attraktive Bedingungen in der Schweiz Mediziner an. Darum wundert es nicht, dass nicht nur Städte und Gemeinden in Eigenregie Ärzte anwerben und sogar beschäftigen möchten, wie etwa im Fall von Wehr oder Wutöschingen, sondern auch regionenübergreifend nach Lösungen gesucht wird. Hoffnungen liegen auf Medizinern aus dem Ausland und den Fragen, wie sich diese anwerben lassen, man ihre Ausbildung anerkennen und sie beschäftigen kann. Initiator einer digitalen Vernetzungsveranstaltung zu diesem Thema ist Mitte Oktober das vom Landeswirtschaftsministerium unterstützte "Welcome Center Schwarzwald-Baar-Heuberg und Hochrhein-Bodensee", das bei der Wirtschaftsförderung und der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg angesiedelt ist.

Was macht ein Welcome-Center?
Eine Aufgabe dieses Welcome-Centers: Arbeitgeber, die ausländische Fachkräfte einstellen möchten, erhalten hier kostenfreie Hilfe und es gibt Beratungsangebote bei der Suche nach Fachkräften, Fragen zu Einreise oder Aufenthaltsrecht. Ärzte aus dem Ausland sind aber nur ein Ansatz. Ein zweiter kommt aus Stuttgart: Doch ob die eingeführte Landarzt-Quote, in deren Rahmen sich eine bestimmte Zahl von Medizinstudenten verpflichtet, einige Jahre im ländlichen Raum zu praktizieren, weiterhelfen wird, bleibt abzuwarten. Der Start dieses Förderprogramms ist erst zum Wintersemester 20/21 erfolgt. Auch die KVBW ist aktiv: "Wir unternehmen große Anstrengungen, um gerade im ländlichen Raum die Versorgung aufrecht zu erhalten", heißt es. Dies unter anderem mit telemedizinischen Projekten und speziellen Förderungspaketen. "Dennoch ist es aus den verschiedensten Gründen nicht einfach, Ärzten die Niederlassung im ländlichen Raum schmackhaft zu machen", so Frien.

Wie ist die Altersstruktur

der Ärzte im Kreis?

Die Situation am Hochrhein wird sich in den kommenden Jahren wohl noch erheblich zuspitzen: Rund ein Viertel aller praktizierenden Hausärzte im Kreis Waldshut ist älter als 65 Jahre und steht damit kurz vor dem Ruhestand. Fast die Hälfte ist 60 Jahre alt oder älter. Aus jetziger Sicht kaum vorstellbar, dass noch bis vor einigen Jahren Hausärzte ihre Praxen mit Erreichen des 68. Lebensjahres aufgeben mussten.

Was unternimmt die KVBW konkret?
Grundsätzlich will die KVBW, die Versorgung verbessern, so etwa mit dem Programm "Ziel und Zukunft: Wir – die Ärzte und Psychotherapeuten in Baden-Württemberg" (ZuZ). "Damit werden gezielt die Ärzte und Psychotherapeuten gefördert, die sich in einem besonders bedürftigen Gebiet niederlassen", erklärt Eva Frien. Und dann wird es doch noch deutlich: Auch im Kreis Waldshut gibt es Gemeinden, die als Fördergemeinden für Hausärzte gelten und wo Hausärzte von diesem ZuZ-Paket profitieren können: die Stadt Waldshut-Tiengen, Albbruck, Wutöschingen, Hohentengen und Weilheim.