Von fliegenden Ordnern und garstigen Flüchen

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Sa, 14. März 2020

Ausland

IM PROFIL:Die britische Innenministerin Priti Patel sieht sich schweren Vorwürfen wegen des Umgangs mit ihrem Umfeld ausgesetzt.

Was ist los mit der britischen Innenministerin Priti Patel? Hat sie Mitarbeiter beschimpft, gedemütigt, zur Verzweiflung gebracht? Sind ihre Tage im Kabinett gezählt?   Ihre Anhänger glauben, dass "eine Verschwörung" im Gange ist. Schlimme Gerüchte würden verbreitet, finden sie, über Priti Patel. Und das nur, weil Boris Johnsons Innenministerin eine unerschrockene Patriotin sei und die Grenzen gegen unerwünschte Zuzügler sichern wolle. Weil sie für Recht und Ordnung und harte Strafen eintrete und auch sonst nicht zimperlich sei.  

Patel war linken und liberalen Briten schon immer ein Dorn im Auge. Die heute 47-jährige nationalkonservative Politikerin, die vor zehn Jahren ins Unterhaus gewählt wurde, hat gegen die gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt, ungeniert für die Tabakindustrie geworben und Entwicklungshilfe zu reduzieren versucht. Patel war Befürworterin der Todesstrafe, auch wenn sie versichert, das nicht mehr zu sein. Zu Zeiten David Camerons nahm sie sich eher wie eine Randfigur aus dem Lager der Tory-Rechten aus. Als Frau und als Abgeordnete indischer Abkunft – ihre Eltern flohen aus Uganda vor Idi Amin – war sie freilich nützlich, wo es um ein Image größerer "Bandbreite" für die Konservativen ging.   Von Theresa May wurde sie 2016, nach dem Brexit-Referendum, zur Entwicklungsministerin ernannt. Lang hielt sie sich nicht im Kabinett. Einen Urlaub in Israel hatte Priti Patel dazu genutzt, auf eigene Faust Gespräche mit israelischen Politikern, darunter Regierungschef Benjamin Netanjahu, zu führen. Als May dem auf die Spur kam, musste sie gehen, ihre Karriere schien zu Ende. Im Sommer 2019 aber, als Boris Johnson May an der Spitze von Partei und Regierung ablöste, feierte Patel Auferstehung. Johnson übertrug ihr das Innen-Ressort, eins der wichtigsten Ministerien überhaupt.  Post Brexit schien Patel Johnson jedenfalls die rechte Wahl, um das Innenministerium "auf Vordermann" zu bringen und um klar zu stellen, dass vom kommenden Jahr an Schluss sein würde mit europäischer Freizügigkeit an Großbritanniens Grenze.

Wie sich in den letzten Wochen herausstellte, vertrat Johnsons Lieblingsministerin aber nicht nur nach außen hin eine harte Linie. Als sie sich vor kurzem mit dem obersten Ministerialdirektor im Home Office überwarf und dessen Abgang erzwingen wollte, brach auf einmal eine Lawine bitterer Vorwürfe aus dem Innern des Regierungsapparats über sie herein.   Der betreffende leitende Staatsbeamte, Sir Philip Rutnam, warf Patel vor, eine "üble Kampagne" gegen ihn gestartet, "Klima der Angst" im Ressort geschaffen und alle Welt belogen zu haben. Rutnam, der auf spektakuläre Weise zurücktrat, hat nun ein Tribunal angerufen, das über seine Behandlung befinden soll.   Er ist nicht der Einzige, der Klage führt. Seit er das Schweigen brach, ist eine ganze Reihe von Beschwerden öffentlich geworden. Gegen eine Untergebene soll Patel in blinder Wut einen Aktenordner geschleudert haben. Eine andere Beamtin nahm angeblich eine Überdosis an Tabletten, nachdem Patel sie in einem Anfall "unprovozierter Aggression" anschrie, sie sei entlassen, solle ihre Sachen packen und gefälligst "abhauen" aus dem Büro.

Beamte aus allen drei Ministerien, in denen Patel wirkte, dem Arbeits-, dem Entwicklungshilfe- und dem Innenministerium, beschuldigen sie nun, Mitarbeiter ohne allen Grund drangsaliert, schikaniert, gedemütigt, angegiftet und mitten in der Nacht mit wüsten Emails verfolgt zu haben.   Ein ganz neues Gesicht Patels wird inzwischen sichtbar, hinter dem gefrorenen Lächeln, das sie in der Öffentlichkeit immerpräsentiert. "Jeder wusste ja, dass sie grob war", zitierte die Zeitung am Freitag einen Ex-Minister. "Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand etwas von der Art von Dingen wusste, die nun ans Tageslicht gekommen sind."

Für Johnson, an dessen Seite sich Patel im Unterhaus immer schnell setzt, ist das zu einem echtem Problem geworden. So kurz nach dem Rücktritt seines Schatzkanzlers Sajid Javid kann es sich der Premier kaum erlauben, eine weitere zentrale Figur seines Kabinetts zu verlieren.   Aber je mehr sich die Klagen mehren, desto schwieriger ist es für Boris Johnson, Priti Patel im Amt zu halten.