Russischer Weltraumbahnhof

Von Wostotschny sollen Raketen bis zum Mars fliegen

Thomas Körbel

Von Thomas Körbel (dpa)

Mi, 29. November 2017 um 00:29 Uhr

Panorama

Ein Prestigeprojekt mit Problemen: Von Russlands Weltraumbahnhof Wostotschny sollen Raketen zum Mond und zum Mars fliegen. Bisher dominieren aber Pannen den Betrieb.

"Tor zu den Sternen" mit Hindernissen: Russlands neuer Weltraumbahnhof Wostotschny soll eigentlich Moskaus modernster Zugang zum All werden. Doch das Prestigeprojekt kommt aus den Negativschlagzeilen nicht heraus: Der Wettersatellit, der am Dienstag von dort mit einer Rakete ins All geschossen wurde, ist verschwunden.

Eigentlich verlief beim Start am Dienstag alles planmäßig. Mit einem mächtigen Feuerschweif schoss die Sojus-Rakete in den Himmel. Es sollte ein Meilenstein werden für das Kosmodrom rund 8000 Kilometer östlich von Moskau. Denn es war erst das zweite Mal, dass eine Rakete von Wostotschny aus ins All flog. Doch nach dem Start konnte die Flugleitzentrale keinen Kontakt zum Satelliten "Meteor-M" aufbauen. Experten schlossen nicht aus, dass die Raketenoberstufe mit ihrer Ladung wieder auf die Erde gefallen sein könnte. Die Panne folgt auf Startschwierigkeiten bei der Eröffnung im April 2016 und auf alte Probleme, die den Bau seit Jahren bremsen.

Russlands Präsident Wladimir Putin war vor anderthalb Jahren eigens angereist, um die Feuerprobe für das Prestigeprojekt der russischen Raumfahrt abzunehmen. In letzter Minute wurde der Erststart damals wegen eines technischen Defekts um einen Tag verschoben. Putin blieb, rüffelte aber seine Funktionäre.

Denn Wostotschny gilt als "Jahrhundertprojekt", mit dem sich die stolze Raumfahrtnation fit machen will für die Zukunft. Mitten in der sibirischen Taiga haben Tausende Arbeiter auf 700 Quadratkilometern – einer Fläche so groß wie Hamburg – die Basis geschaffen für Russlands langfristigen Zugang zum Weltraum. Von hier aus soll bis 2030 ein Russe zum Mond fliegen, später auch zum Mars.

Doch das viel gelobte "Schaufenster für ein modernes Russland" wird die Negativschlagzeilen nicht los. Arbeiter klagen seit Monaten über ausstehende Löhne. Mit 175 Millionen Rubel (2,5 Millionen Euro) stehen die Bauherren Berichten von Anfang November zufolge bei den Angestellten in der Kreide. Demonstrativ legten sechs Männer vorübergehend einen Hungerstreik ein. Daraufhin wurde ihnen Besserung versprochen.

Probleme mit Lohnzahlungen und Korruption hatten schon früher einen Schatten auf das Projekt geworfen und den Bau verzögert. Die Agentur Tass berichtet von umgerechnet mehr als 110 Millionen Euro, die im Boden der Taiga versickerten. Nach Strafprozessen wegen Veruntreuung sitzen mehrere Funktionäre in Haft. Putin hatte Schuldigen eine "harte Pritsche im Gefängnis" in Aussicht gestellt.

Warum die Politik sich so für die Baustelle interessiert, liegt an der strategischen Bedeutung. Langfristig soll Wostotschny Russland unabhängig machen vom Kosmodrom Baikonur im zentralasiatischen Kasachstan. Moskau pachtet das Gelände in der Steppe für 115 Millionen US-Dollar im Jahr. Von dort aus war 1961 Juri Gagarin als erster Mensch ins All geflogen. Wostotschny bietet eine Alternative auf russischem Boden. Vorerst bleibt Russland Baikonur aber treu. Derzeit fliegen nur von dort Menschen zur Internationalen Raumstation ISS, Plätze für Amerikaner und Europäer lässt sich Moskau gut bezahlen.

Aber auch in Wostotschny soll der Betrieb hochgefahren werden. Im Dezember soll die dritte Rakete mit einem Satelliten starten. Für 2018 sind drei Starts geplant, später bis zu zehn pro Jahr. Bemannte Flüge sind noch nicht geplant, aber der Transport von Satelliten soll Millionen in die Kassen spülen. "Das soll unsere Marktposition stärken", sagt Regierungschef Dmitri Medwedew.

Gouverneur Alexander Koslow sieht Wostotschny als wichtigen Wirtschaftsfaktor für das Gebiet Amur. "Seit 2012 haben wir aus der Planung, dem Bau und der Nutzung des Kosmodroms rund 2,5 Milliarden Rubel (36 Miollen Euro) Steuern erhalten", sagt er. Viel Geld für eine Region, die vor allem von Soja-Produktion und Goldförderung lebt. Doch Experten sind skeptisch: In Wostotschny werde zwar investiert, doch das meiste Geld komme vom Staat, nicht aus der Wirtschaft, sagt die Ökonomin Natalia Subarewitsch der Zeitung Wedomosti. Das helfe der Region nur wenig.