Geschichte

Vor 400 Jahren begann mit dem Fenstersturz in Prag der Dreißigjährige Krieg

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Sa, 19. Mai 2018

Deutschland

r hat sich als Schreckensbild in die deutsche Geschichtserinnerung gegraben – als Trauma, das erst durch den vor 100 Jahren geendeten Ersten Weltkrieg überdeckt und übertroffen wurde: Vor 400 Jahren, am 23. Mai 1618, begann der Dreißigjährige Krieg – für viele immer noch ein Religionskrieg, der an die heutigen Auseinandersetzungen in islamischen Ländern erinnert. Doch dieses Bild wird von der aktuellen Geschichtsschreibung in großen Teilen revidiert.

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Der Krieg, den man später den Dreißigjährigen nennen sollte, war schon mehr als 20 Jahre ins Land gegangen, als die Festung Breisach ins Zentrum der längst unübersichtlich gewordenen Kampfhandlungen rückte. Die Burg auf dem Felsen im Rheintal wurde von kaiserlich-bayerischen Truppen gehalten. Sie widerstanden lange Zeit der Belagerung durch Soldaten des Herzogs Bernhard von Sachsen-Weimar, selbst nachdem dieser protestantische Heerführer im April 1638 das vorderösterreichische Verwaltungszentrum Freiburg eingenommen hatte. Hinter Bernhard stand das französische Königshaus, das von Papstes Gnaden sich "allerchristlichste Majestät" nennen durfte. Deshalb ging es im Kampf um Breisach nicht um Konfessionen, auch wenn der Herzog immer noch für die protestantische Sache focht, sondern um die Machtansprüche der Habsburger und des stetig gewachsenen katholischen Frankreich.
Die Belagerung dauert lange. Doch die Mannschaft in der kleinen Stadt hält durch, weil es immer wieder gelingt, durch die feindlichen Reihen hindurch Lebensmittel heranzuschaffen. Aber im Oktober 1638 scheitert der letzte Befreiungsversuch, danach ist Breisach sich selbst überlassen. Für den Kommandanten Johann Heinrich Freiherr von Reinach kein Grund aufzugeben; nicht einmal der Hunger, unter dem Soldaten und Einwohner gleichermaßen leiden, bewegt ihn zum Einlenken. "Es sind fast alle Hunde und Katzen in der Stadt verspeist worden", berichtet der Zeitzeuge Hans Heberle, ein Schuhmacher aus Ulm.
Damit nicht genug. Im November, erzählt er weiter, sei ein Kriegsgefangener gestorben – statt seinen Leichnam zu begraben, "haben ihn die anderen Gefangenen genommen, zerschnitten und verspeist". Es bleibt wohl nicht bei diesem einen Fall von Kannibalismus: In dem Gefängnis "sind noch sieben schwedische Soldaten aufgefressen worden". Heberles Schreckensnachrichten gehen noch einen Schritt weiter: Im Dezember sollen acht Kinder aus Breisacher Familien spurlos verschwunden sein, "die ...

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