WALD UND WIESE

Silke Hartenstein

Von Silke Hartenstein

Sa, 27. Juni 2020

Müllheim

Die Wunderpflanze

Die Wälder und Wiesen vor der eigenen Haustür bewusster erkunden – das ist einer der Effekte, die die Corona-Krise mit sich brachte. Wenn man nicht mehr verreisen darf, dann entdeckt man Altbekanntes oder nie Wahrgenommenes ganz neu. Eine kleine Serie soll Aufschluss darüber geben, was sich derzeit alles in der Natur beobachten lässt. Heute: Echtes Johanniskraut.

Das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum) aus der Familie der Johanniskrautgewächse hat seinen Namen von Johannes dem Täufer, da die Blütezeit um den Johannistag am 24. Juni herum beginnt. Man findet die Pflanze mit den leuchtend gelben Blütenrispen in tiefen bis mittleren Höhenlagen an Waldrändern, Wegen und Böschungen, auf Magerwiesen und Brachen. Die heute über große Teile der Erde verbreitete mehrjährige Staude wurde bereits in der Antike als Heilpflanze verwendet.

Einer der vielen Namen, die der Volksmund dem Echten Johanniskraut gab, ist "Herrgottsblut": Zerreibt man mehrere Blüten zwischen den Fingern, hinterlässt das in den Blütenblättern enthaltene Hypericin eine Rotviolettfärbung. Legt man die Blüten in kaltes Öl ein und stellt das Öl in die Sonne, wird es rot. Dieses "Rotöl" kommt äußerlich zum Einsatz zur Wundheilung, zur Schmerzlinderung nach Verrenkungen, Verstauchungen, Sonnenbrand und Verbrennungen und auch bei Krankheiten wie Hexenschuss, Gicht und Rheuma.

Innerlich wird Johanniskraut zur Behandlung leichter bis mittelstarker Depressionen oder nervöser Unruhe eingesetzt. Die Pflanze ist leicht giftig: Während Schwangerschaft und Stillzeit ist Vorsicht geboten, hellhäutige Menschen sollten Johanniskrautpräparate 14 Tage vor Beginn der hellen Jahreshälfte und vor einer Reise in den Süden absetzen. Der lateinische Name der Art, "Perforatum" (das "Durchlöcherte"), bezieht sich auf den dicht mit durchscheinenden Öldrüsen punktierten Blattrand. Heute weiß man, dass es sich bei den durchscheinenden Punktierungen um Gewebslücken handelt, entstanden durch Auseinanderweichen von Zellwänden, in denen das ätherische Öl konzentriert ist. Im Mittelalter glaubte man, der Teufel hätte wegen der großen Kraft des Johanniskrauts, den Teufel und Hexen zu vertreiben, "aus Bosheit" die Blätter mit Nadeln durchstochen.