Frankfurt

Walter Lübckes Sohn sagt im Mordprozess aus

Marius Buhl

Von Marius Buhl

Mi, 29. Juli 2020 um 06:59 Uhr

Deutschland

"So habe ich Papa gefunden": Im Prozess um den Mord am Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke durch einen Rechtsextremisten beschrieb sein Sohn Jan-Hendrik die Tatnacht.

Jan-Hendrik Lübcke schiebt den Zeugenstuhl zurück. "Darf ich es kurz vorführen?", fragt er den Vorsitzenden Richter. Dann rutscht der Sohn des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten nach vorn, legt den Rücken auf der Lehne ab und lässt den Kopf in den Nacken sinken. Er schließt die Augen und öffnet den Mund. "So", sagt er, "habe ich Papa gefunden."

Der siebte Verhandlungstag im Mordfall Walter Lübcke stand ganz im Zeichen der Vernehmung des jüngeren Lübcke-Sohns. Nur spärlich hatte sich die Familie Lübcke bislang zur Tat geäußert und Medienanfragen abgeblockt. Entsprechend groß waren die Erwartungen an die Zeugenaussagen Lübckes am Dienstag.

Ein Pflichtverteidiger des Angeklagten wurde abberufen

Die Verhandlung begann aber zunächst mit der Abberufung eines Pflichtverteidigers des Hauptangeklagten Stephan E., Frank Hannig. Dieser hatte Anträge gestellt, die mit seinem Mandanten nicht abgestimmt waren und auf eine Diskreditierung der Lübcke-Söhne abgezielt hatten. E.s zweiter Verteidiger, Mustafa Kaplan, hatte daraufhin erklärt: "Wir haben kein Interesse, dass Herr Lübcke und seine Söhne mit Dreck beworfen werden." So war es zum Bruch zwischen E. und Hannig gekommen, der nach seiner Entpflichtung wütend aus dem Saal stürmte. Erst dann begann die Anhörung Lübckes.

Zunächst fragt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel die Personalien ab: Jan-Hendrik Lübcke, 30 Jahre alt, selbstständig mit der Firma BLG Projects, die er zusammen mit seinem älteren Bruder Christoph und einem Cousin führt. Sie vertreiben Photovoltaikanlagen. Dann wünscht sich Sagebiel eine Schilderung vom Tattag.

Lübcke erzählt mit fester Stimme, was er erlebt hat. Der Samstag habe ganz im Zeichen der Isthaer Kirmes gestanden. Begleitet von drei Freunden sei er abends zum Festplatz aufgebrochen. Er habe dort mit Freunden, Bekannten und Dorfbewohnern gesprochen, es sei ein schöner Abend gewesen. Gegen halb eins sei er zum Haus zurückgekehrt.

Als er sah, wie sein Vater zurückgesunken im Stuhl auf der Terrasse sitzt, dachte Lübcke zuerst, dieser sei eingeschlafen. "Ich habe ihn angestupst, am Arm und an der Wange. Er hat sich kalt angefühlt." Sein nächster Gedanke sei ein medizinischer Notfall gewesen. "Er war ja nicht der Schlankeste, wir haben ihm oft gesagt, er könnte ein bisschen abnehmen. Nun dachte ich, er hat einen Herzinfarkt erlitten." Lübcke wählte die 112.

In der Zwischenzeit versuchte er, seinen Vater zu reanimieren. Er entdeckte Blutspritzer an der Wand, sah, wie die rechte Gesichtshälfte seines Vaters mit Blut vollief. Erst als die Sanitäter ein paar Minuten später eintrafen, konnte Lübcke seine Mutter verständigen, dann rief er einen Freund an. "Ich habe gesagt: Es ist etwas passiert, hol Christoph!"

Als Lübcke schildert, wie er seinen Bruder benachrichtigte, entfährt ihm ein Schluchzer. "Wollen wir eine Pause machen?", fragt Richter Sagebiel. "Nein, alles gut", sagt Lübcke.

Der Mord hat die Familie für immer verändert

Links von Jan-Hendrik Lübcke sitzen die mutmaßlichen Mörder seines Vaters. Sie hören aufmerksam zu, während Lübcke spricht, ihr Blick verrät keine Regung. Aber auch Lübcke lässt sich nicht verunsichern, er sieht kein einziges Mal zu den beiden Männern hinüber.

Stattdessen berichtet er im Detail, was weiter passiert ist: Wie der Vater auf Drängen der Familie ins Krankenhaus gefahren wurde, obwohl die Sanitäter wohl schon da wussten, dass Lübcke sterben würde. Wie die Söhne folgten, wie ein Arzt ihnen schließlich wenig empathisch mitteilte, dass ihr Vater verstorben sei. Und wie sie spät in der Nacht erfuhren, dass im Kopf des Vaters ein Gegenstand gefunden worden sei.

Am Ende von Jan-Hendrik Lübckes Aussage, die rund zwei Stunden dauerte, hat Richter Sagebiel noch eine Frage. "Auch wenn es schwer fällt, Herr Lübcke: Was hat diese Tat mit Ihnen und der Familie gemacht?" Lübcke atmet tief durch. "Der Mord bleibt unbegreiflich. Wir werden damit niemals fertig werden."

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