Urlaubsreisen

Warum das Team eines Müllheimer Reisebüros auch nach 40 Jahren nicht ans Aufhören denkt

Christine Speckner

Von Christine Speckner

Sa, 11. September 2021 um 07:33 Uhr

Müllheim

Das Reisebüro am Lindle in Müllheim feiert sein 40-jähriges Bestehen – trotz der Konkurrenz der Online-Portale. Und auch im Rentenalter ist das Team noch bestens informiert.

Sie wurden oft totgesagt, die kleinen Reisebüros, gerade heute, wo Online-Portale für Urlaubsreisen sehr gefragt sind. Trotzdem gibt es das Reisebüro in der Hauptstraße 85 in Müllheim schon seit 40 Jahren. Und das obwohl die Inhaberin Gisela Dockweiler und ihre Angestellte Gabi Radtke längst in Rente gehen könnten.

Gutgelaunt sitzen die beiden Frauen im Büro. Seit Jahrzehnten teilen sie sich den kleinen Raum. Im hinteren Teil sind die weißen Regale gefüllt mit allerlei Geschenkartikeln, die man in einem Reisebüro nicht vermuten würde: Keramikvasen aus Griechenland, holzgeschnitzte Figuren aus Afrika, Halsketten, Ohrringe, Taschen und vieles mehr stehen hier zum Verkauf. Ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt das. Und auch sonst ist hier manches außergewöhnlich. Die Kunden kommen schon mal vorbei mit einem selbstgebackenen Kuchen oder einer Flasche Sekt. "Das genießen wir dann zusammen", erzählt Gisela Dockweiler und strahlt. Es geht schon immer familiär zu in dem Zwei-Frau-Betrieb. Man kennt sich, und nicht wenige Kunden buchen bereits in der zweiten Generation.

1981 wurde das Reisebüro gegründet

1981 gründete die Reiseverkehrskauffrau Gisela Dockweiler das Büro. Gabi Radtke kam vier Jahre später dazu. Sie war eine Quereinsteigerin, von der Materie hatte sie kaum Ahnung, dafür aber Flugangst. Doch genau wie ihre Chefin hatte sie von Anfang an einen guten Draht zu den Kunden und lernte sich schnell ein. "In den 80er Jahren bis Ende der 90er Jahre lief das Geschäft richtig gut", erinnert sich Dockweiler rückblickend. Da gab es Kunden, die dreimal im Jahr einen Urlaub buchten. Dadurch entstanden gute Kontakte und sogar Freundschaften. Mit der Einführung des Euro kam 2002 eine spürbare Wende. "Plötzlich wurde mehr gespart", erinnert sich Dockweiler. Aber immer noch gab es Highlights, auch wenn sie mit viel Arbeit verbunden waren. Dazu gehörten die beliebten Klassentreffen elsässischer Rentner, die von Müllheim aus organisiert wurden. "Da haben wir in Bulgarien und Slowenien für bis zu 95 Leute Zimmer gebucht", erzählt Radtke.

"Manchmal haben wir für bis zu 95 Leute Zimmer gebucht." Gabi Radtke

In den vier Jahrzehnten ihres Berufslebens hat sich viel verändert. Während die Kunden früher mit einem Stapel von Katalogen unterm Arm das Geschäft verließen, seien sie heute gut informiert. Zücken ihr Smartphone und haben vorab schon selbst recherchiert. "Allerdings ist die Hotelbewertung im Internet nicht immer glaubwürdig", sagt Gabi Radtke. Das Reisebüro am Lindle dagegen verfüge über ein authentisches Bewertungssystem, zu dem nur Reisebüros Zugang haben. "Damit können wir ein maßgeschneidertes Angebot erstellen", so Radtke. Deshalb zählen zu den Kunden durchaus auch junge Familien, die verlässliche Beratung wünschen und den Reise-Profis mehr trauen als anonymen Internetbewertungen.

Die beiden Seniorinnen sind selbst viel herumgekommen

Im Beratungsgespräch lassen die weitgereisten Damen dann durchblicken, dass sie auch im Rentenalter noch über aktuelle Trends bei Reisethemen Bescheid wissen. Darüber welche Art von Pool gerade angesagt ist. Ob Landschaftspool oder Infinity Pool. "Bei Infinity mit Endlos-Becken hat man einen fantastischen Blick ins türkisblaue Meer", schwärmt Radtke. Dockweiler nickt begeistert. Nur mit gutem Service habe man sich bis heute auf dem Markt behaupten können, berichtet die 75-Jährige weiter. Ob Kreuzfahrten, Studien-, oder Individualreisen: Die beiden Seniorinnen haben jahrzehntelange Erfahrungen und sind selbst viel herumgekommen. Dass sie ihr kleines Reisebüro im Rentenalter weiterbetreiben, liegt vor allem an ihrer Kontaktfreudigkeit und dem Wunsch "eine Aufgabe zu haben", sagt Gisela Dockweiler.

Allerdings müssen auch sie wegen Corona derzeit auf Kundschaft warten. Wobei das Kundenverhalten recht unterschiedlich sei. Die älteren Markgräfler, und dazu zählt ein Großteil ihrer Kunden, seien eher vorsichtig und verbringen den Urlaub zu Hause. "Nicht wenige haben sich einen Pool in den Garten gestellt", so Dockweiler. Während ihre Kollegen aus anderen Bundesländern mehr Reisebuchungen verzeichneten – trotz Corona. Bereits 2020 musste das Müllheimer Reisebüro viele Stornierungen verkraften. Und auch dieses Jahr sieht es coronabedingt mit fast 80 Prozent Buchungsrückgang nicht viel besser aus. Dank der staatlichen Zuschüsse kam man einigermaßen über die Runden.

Weitermachen wollen die beiden trotzdem, solange es gesundheitlich geht. Dass sie bei den Treffen im Kollegenkreis inzwischen die Ältesten sind, sei nicht mehr zu übersehen, meint die 73-Jährige Radtke schmunzelnd. "Heute sitzen wir mit jungen Leuten am Tisch, die unsere Enkel sein könnten. Die finden das cool, auch wenn wir nicht perfekt Englisch sprechen wie sie. Unsere Generation kann halt mehr Französisch."