Klimawandel

Warum die Waldwirtschaft in Kandern ein Zukunftsmodell ist

Moritz Lehmann

Von Moritz Lehmann

Mi, 18. November 2020 um 19:31 Uhr

Kandern

Der Kanderner Stadtwald ist eines von 32 Paradebeispielen eines internationalen Forschungsprojekts zum Wald der Zukunft. Das Projekt hat der Binzener Forstwissenschaftler Frank Krumm geleitet.

Der Binzener Forstwissenschaftler Frank Krumm hat in einem internationalen Forschungsprojekt untersucht, wie eine moderne und klimastabile Waldnutzung aussehen kann. Dafür hat er 32 gute Beispiele gefunden und gemeinsam mit Förstern wissenschaftlich aufgearbeitet. Eines dieser Beispiele ist der Kanderner Stadtwald.

Integrierte Waldbewirtschaftung lautet das Schlagwort. Gemeint ist, dass der Wald viele Funktionen hat, von denen nicht alle einen wirtschaftlichen Nutzen bringen. Dazu zählen etwa die Bindung von CO2, der Erhalt von Biodiversität oder der Erholungswert. Der Binzener Forstwissenschaftler Frank Krumm arbeitet für die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und hat dort im Auftrag der Schweizer Bundesamtes für Umwelt 32 gute Beispiele für eine zukunftsweisende Waldnutzung in ganz Europa untersucht. "Die Forschung spricht eine eindeutige Sprache", sagt Frank Krumm: "Wir verlieren Arten, auch im Wald."

Im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Naturschutz

Dennoch bleibt dieser ein Ort, in dem Holz als nachwachsender Rohstoff als Brenn- oder Baumaterial gewonnen wird. Ein Ort, der Arbeitsplätze für Forstleute und Sägewerke schafft. Dies, sagt der Kanderner Forstbezirksleiter Bernhard Schirmer, gelte es in der Diskussion nicht zu vergessen. Es mehren sich Stimmen, die fordern, den Wald sich selbst zu überlassen – etwa in Müllheim. Beim Gespräch im Kanderner Forsthaus klopft Bernhard Schirmer auf den Buchenholztisch im Konferenzraum: Wäre er aus Plastik, hätte man auf die bleibende Bindung von Co2 durch den Baum verzichtet und stattdessen zusätzliches CO2 produziert. Den Wald sich selbst zu überlassen, würde einige Tiere und Pflanzen begünstigen, andere benachteiligen.

Frank Krumm ist ein Fan geschützter Nationalparks, als Winzer will er aber nicht auf Markgräfler Eichenfässer verzichten. Es sei aber klar, dass sich der Anteil des "stillgelegten" Waldes vergrößern müsse. In Deutschland mache dieser lediglich fünf Prozent aus. Zugleich ergebe es keinen Sinn, auf heimisches Holz zu verzichten und dieses aus Sibirien zu importieren. Damit fördere man dort die Abholzung von Naturwäldern und vergrößere den CO2-Ausstoß beim Transport. "Es geht um schützen und nützen", sagt Krumm. Private Waldbesitzer zahlten zunehmend drauf, sie müssten für ihre Naturschutz-Leistungen honoriert werden, sagt Bernhard Schirmer. In der Schweiz, so Krumm, gebe es für Bäume ab dem Alter von 50 Jahren eine Prämie.

Was den Kanderner Wald so besonders macht

Diesem Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Naturschutz widmet sich Krumms Forschungsprojekt. Das Ergebnis, eine 650 Seiten umfassende Publikation, soll in einer Woche kostenlos zum Download bereitstehen und später in Buchform erscheinen. Die Erkenntnisse wurden vergangene Woche bei einer internationalen Tagung mit Vorträgen und einer Podiumsdiskussion mit Referenten aus Forschung, Politik, Wirtschaft, Forst und Naturschutz diskutiert. Sie wurde von der WSL, der Schweizer und der deutschen Regierung sowie dem European Forest Institute ausgerichtet und hätte in Eimeldingen stattfinden sollen, wurde coronabedingt aber digital abgehalten.
Die Podiumsdiskussion kann in englischer Sprache unter diesem Link hier angesehen werden

Für Frank Krumm ist der Stadtwald Kandern ein besonders schönes Beispiel. Es sei auch dem Revierförster Reiner Dickele zu verdanken, der mehr als zwei Jahrzehnte darauf hingewirkt habe, dass Holz in Kandern noch immer von vielen Bürgern genutzt werde. Zugleich gebe es im Stadtwald mehrere "stillgelegte" Gebiete, Refugien für seltene Tier- und Pflanzenarten. Insgesamt 18,2 Kubikmeter Totholz bieten bedrohten Tier- und Pflanzenarten Lebensraum, ergänzt Schirmer. Das entspreche fünf Prozent des gesamten Holzvorrats.

Seit 140 Jahren setzt man in Kandern auf die Douglasie

Der Kanderner Wald, sagt Krumm, zeichne sich aber auch durch ein gutes Management aus. Von Natur aus sei er ein Buchenwald. Seit 1879 pflanzt man dort aber kontinuierlich Eichen und Douglasien. Erstere sind für den Naturschutz besonders wertvoll, Eichen bieten besonders vielen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum. Zugleich erziele man für Eichenholz gute Preise. Die schnell wachsende Douglasie ist als robuster Baustoff interessant. Sie stammt eigentlich aus Nordamerika und werde vom Umweltministerium als "invasive Art" noch immer kritisch beäugt, so Krumm und Schirmer.

Angesichts zunehmender Trockenheit hat sich die Douglasie als besonders klimaresistent erwiesen. Dass man in Kandern vor Jahrzehnten mit ihrer Pflanzung begonnen und diese stetig weiter verfolgt hat, erweise sich als Glücksfall. Im Stadtwald macht sie heute zehn, die Eiche zwölf Prozent des Baumbestandes aus. Die Mischung sei ein Grund dafür, dass der Kanderner Wald einer der wenigen ist, die heute gut dastehen: "Worüber heute viele sprechen, wird hier schon lange gemacht", sagt Frank Krumm.