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Warum die Zukunft südbadischer Weinfeste unsicher ist

Karl-Heinz Fesenmeier

Von Karl-Heinz Fesenmeier

So, 22. Mai 2022 um 13:00 Uhr

Südwest

Weinfeste gehören seit Jahrzehnten zur südbadischen Weinregion wie das Oktoberfest zu München. Doch was lange Zeit selbstverständlich war, erscheint nun gefährdet.

Spektakuläre Absagen von Weinfesten wie dem regional größten in Breisach oder den Weintagen in Freiburg-St.Georgen geben Anlass zur Beunruhigung. Mit Corona hat diese Entwicklung nur indirekt zu tun.

"Wir wollen das Fest auf jeden Fall veranstalten, in welchem Umfang und Rahmen ist noch nicht klar." Das sagte Petra Littner, die als Geschäftsführerin der Kaiserstühler Wein-Marketing GmbH für die Organisation des Breisacher Weinfestes zuständig ist, noch Ende März. Doch wenige Wochen später sahen die zwölf Kaiserstühler Winzergenossenschaften und die Stadt Breisach, die normalerweise das Breisacher Weinfest veranstalten, in einer außerordentlichen Gesellschaftersitzung keine Chance mehr, das beliebte Fest zu realisieren.

"Wir sind alle sehr unglücklich damit", sagt Petra Littner heute. Bei der entscheidenden Sitzung sei alles diskutiert worden, um das Fest doch noch möglich zu machen. "Eigentlich wollten es alle haben", sagt sie. "Aber wir wären in eine defizitäre Lage gerutscht, die keiner auffangen kann." Es sei zwar nicht das Ziel, Gewinne zu erwirtschaften, doch absehbare Verluste zu tragen, gehe eben auch nicht. "Zu Ende gedacht wären die Verluste zu Lasten der Winzer gegangen."

Es wäre das 64. Breisacher Weinfest gewesen

Auf bis zu 100 000 Besucher kam früher das am Rheinufer gelegene Weinfest, das normalerweise Ende August stattfindet und vier Tage lang dauert. Nur viermal sei es ausgefallen: zweimal wegen Corona und zweimal in länger zurückliegenden Zeiten. An die 60 individuelle Gespräche habe sie im Vorfeld geführt, um das Weinfest zu ermöglichen, sagt Littner. Doch am Ende waren alle Mühen vergebens.

Die Absage hat vielfältige und mit Blick auf andere Weinfeste in der Region teilweise auch symptomatische Gründe. Im Wesentlichen lag es zum einen an den Problemen, Personal zu finden, und zum anderen an immer schärferen und kostspieligeren Sicherheitsauflagen der Behörden.

Bei den ständig von den Behörden verschärften Sicherheitsauflagen geht es nicht nur um Notfallkonzepte, Brandschutz oder Betonpoller, die vor Attentätern oder Amokfahrern schützen sollen. Der für Veranstalter finanziell härteste Brocken ist das Engagement von professionellen Sicherheitsdiensten, die patrouillieren, gegebenenfalls deeskalieren oder notfalls robust durchgreifen sollen. Die Kosten dafür gehen in die Tausende, sagen betroffene Veranstalter, von denen verlangt wird, die private Security-Firmen zu bezahlen.

Auch Weintage in Freiburg-St.Georgen wurden abgesagt

Dieser Punkt ärgert vor allem die Veranstalter der Weintage in Freiburg-St.Georgen und spielte eine große Rolle bei der Absage des Festes, das Anfang Mai hätte stattfinden sollen. Martin Maier, der St.Georgener Bürgervereinsvorsitzende, beklagte in der Badischen Zeitung, dass die Weintage durch die verschärften Sicherheitsauflagen für all die Ehrenamtlichen nicht mehr zu stemmen seien. In Freiburg-St.Georgen sind nämlich die Vereine die Veranstalter, deren ehrenamtliche Mitarbeiter Martin Maier zufolge ohnehin schon 800 bis 1000 Arbeitseinsätze leisteten. Ohne sie könnte das Fest nicht stattfinden.

Sowohl bei den St.Georgener Vereinen als auch bei vielen Bürgern stößt es auf Unverständnis, dass die Stadtverwaltung das Weinfest als "Hochrisikoveranstaltung" bewertet, die Stadt selbst aber keinen aktiven Beitrag zur Sicherheit leisten will, sondern vielmehr den Kommunalen Ordnungsdienst entgegen dem Rat der Polizei deutlich verkleinerte.

Martin Maier organisierte in St. Georgen eine Protestveranstaltung gegen das Gebaren der Stadt, sucht aber nicht die Konfrontation, sondern fordert einen Runden Tisch mit der Stadt. Auch bei der Absage des Freiburger Oberlindenhocks Anfang des Jahres spielten die Sicherheitsauflagen der Stadt eine beträchtliche Rolle.

Personalmangel könnte Weinfeste langfristig unmöglich machen

Das andere große Problem, das die Existenz mancher Weinfeste auch langfristig gefährden könnte, ist der Mangel an Personal. Dieses Problem zeigte sich vor allem in Breisach. Die fünf Vollgastronomen, die normalerweise "Hunderte von Essen raushauen können", wie Petra Littner sagte, haben allesamt abgesagt. Sie hätten händeringend nach Personal für Service und Küche gesucht, aber nicht genügend gefunden. Dabei handelt es sich hier nicht um ehrenamtliche Arbeit wie in St.Georgen, sondern um bezahlte Arbeitskräfte.

Hier zeigt sich, welche Spuren die Corona-Krise in der Gastronomie hinterlassen hat. Die Branche hat in der Krise unzählige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verloren und kann dies – wie man immer wieder an Aushängen in Cafés und Gasthäusern sehen kann – bis heute nicht kompensieren können.

In Breisach machte sich die Personalnot auch in anderen Bereichen bemerkbar, etwa bei Dienstleistern für Wasser- und Stromversorgung, Toilettenbetreuung und anderes. Sogar Busunternehmen, die früher Shuttledienste leisteten, haben wegen Personalmangels abgesagt.

Absagen als Warnschuss

Die Absagen in Breisach und Freiburg-St.Georgen sind ein Warnschuss, vielleicht vor allem an die Kommunalpolitik. Die Probleme sollten rechtzeitig angegangen werden, um die Existenz der beliebten und auch für die Winzer wichtigen Weinfeste zu sichern. Aber immerhin sind Stand diese Woche nicht weitere Absagen hinzugekommen. Es besteht also die Hoffnung, dass die Weinfeste in Ihringen, Bötzingen, Pfaffenweiler, Staufen, Gottenheim, Müllheim, Ebringen, Freiburg oder Emmendingen stattfinden können.