Psychologie

Warum es so gut tut, ein Haustier zu haben

Angelika Prauß

Von Angelika Prauß (kna)

Di, 22. September 2020 um 11:27 Uhr

Haus & Garten

In der Pandemie haben sich viele Menschen ein Haustier angeschafft. "Ein Tier vervollständigt das Leben" sagt die Psychologin Andrea Beetz und erklärt, welche Rolle das Hormon Oxytocin dabei spielt.

BZ: Viele Tierheime registrieren ein größeres Interesse an der Vermittlung von Kleintieren. Woran liegt das, Frau Beetz?
Beetz: Wir Menschen sind soziale Lebewesen. Und wenn man dann durch Homeoffice oder Kurzarbeit verstärkt zu Hause ist, nicht mehr die Kollegen sieht und keine Freunde mehr treffen darf, dann vermisst man Sozialkontakte. Manche kompensieren das und schaffen sich ein Haustier an. Für den, der Tiere gerne hat, vervollständigt ein Tier das Leben.

BZ: Warum fühlen sich Menschen mit Hund oder Katze so wohl?
Beetz: Zum einen fühlen wir Menschen uns durch dieses soziale Gegenüber unterstützt. Diesen Effekt kann man schon bei Meerschweinchen beobachten. Das Tier macht objektiv gesehen gar nicht viel und spielt vielleicht nur mit seinem Artgenossen im Käfig. Aber der Halter fühlt sich wichtig, wenn er ein Tier umsorgen kann: Da ist immer jemand Lebendiges, wenn ich in die Wohnung komme. Auch der Körperkontakt und das Streicheln sind etwas ganz Wichtiges. Wir wissen, dass durch den Körperkontakt das Wohlfühlhormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Es reduziert Stress, Angst und depressive Verstimmungen, zugleich fördert es Vertrauen, Kommunikation und Wohlbefinden. Von all diesen Effekten können Tierhalter profitieren ...

BZ: ... und schaffen sich vielleicht auch unüberlegt ein Haustier an?
Beetz: Natürlich sollte man die Tierhaltung nicht romantisieren; sie bedeutet zugleich Verantwortung und Verpflichtung. Manchmal sieht man schon nach kurzer Zeit, dass man den Arbeitsaufwand unterschätzt hat. Dann kann das Tier zum Stressfaktor werden, das keine Freude mehr macht.

BZ: Tierheime beobachten in der Tat, dass nach Lockerung der Corona-Einschränkungen Hunde und Katzen vermehrt abgegeben wurden. Zeugt das nicht von einer ziemlich fragwürdigen Einstellung gegenüber Tieren?
Beetz: Leider ja. Manche Menschen verfügen über eine gering ausgeprägte Fähigkeit für Belohnungsaufschub, wie wir Psychologen sagen; sie möchten etwas – und zwar sofort. Wer einen Hund vom Züchter möchte, weiß, dass er mitunter mehr als ein Jahr auf sein Tier warten muss. Bei der Vermittlung über ein Tierheim geht das schneller. Auch wenn die Heime sich die Interessenten gut ansehen, dürfte manche Entscheidung für ein Haustier nicht ausreichend durchdacht sein. Denn irgendwann ist Corona vorbei, und Arbeitssituation und Alltag ändern sich wieder. Wenn dann die Tiere wieder abgegeben werden, ist das schade. Sie sind schließlich sensible Lebewesen.

BZ: Sie engagieren sich in der tiergestützten Therapie. Besteht da nicht die Gefahr, dass Tiere instrumentalisiert werden?
Beetz: Leider kenne ich viele Tiere, die dabei – ohne Feingefühl des selbst ernannten Pädagogen oder Therapeuten – verheizt werden. Sie gehen davon aus, ihr Hund könnte wie sie vier, fünf Stunden am Tag mit Patienten arbeiten. Für einen feinsinnigen Hund kann aber schon eine Sitzung mit einem Depressiven oder ADHS-Patienten so anstrengend sein, so dass er für den Rest des Tages eine Auszeit braucht. Doch nach einer ordentlichen Grundausbildung sollte das nicht passieren. Selbst Erwachsene, die es zunächst nicht so mit Tieren haben, spüren, dass die Begegnung etwas mit ihnen macht. Manche bekommen wieder richtig Elan, zeigen ganz neue Potenziale und Interessen. Da wird offenbar etwas aktiviert, was noch aus der Kindheit vorhanden ist. Kinder spüren intuitiv die Nähe zu Tieren.
Zur Person

Andrea Beetz ist Psychologin und Studiengangsleiterin für Heilpädagogik an der IUBH Internationale Hochschule Erfurt.