Pro Finger ein Argument für Hygiene

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mi, 09. Oktober 2019

Gesundheit & Ernährung

BZ-INTERVIEW: Ernst Tabori, Leiter des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene, über die Hürden guter Infektionsprävention.

Wie verhindert man Infektionen? Wie können Krankenhauskeime eingedämmt werden? Und wie wichtig sind dabei so simple Dinge wie Händewaschen? Freiburg ist ein Hotspot der Infektionsprävention, denn hier sitzt das Deutsche Beratungszentrum für Hygiene (BZH), das ein Drittel der Kliniken Deutschlands berät – und in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. Derzeit findet hier außerdem der Hygiene- und Infektiologiekongress des BZH statt. Katharina Meyer sprach mit dem ärztlichen Direktor Ernst Tabori.

BZ: Den Hygienekongress hat am Mittwoch ein Vortrag zur Händehygiene eröffnet. Sind Ärzte Handwaschmuffel?

Tabori: Ärzte sind von Haus aus aufrichtig daran interessiert, Infektionen zu vermeiden. Die Frage ist, welche Bedeutung man dem beimisst und wie weit man das im Arbeitsalltag umsetzt. Auf jeden Fall gilt: Händewaschen ist eine der wichtigsten Einzelmaßnahmen, um Infektionswege zu unterbrechen. Unsere zehn Finger sind deshalb die zehn besten Argumente für Krankenhaushygiene.

BZ: Neue Ansätze wie das "Patient Empowerment" schlagen vor, dass man den Arzt fragt, ob er die Hände gewaschen hat. Ist das realistisch?

Tabori: "Patient Empowerment" will den Patienten darin bestärken, sich in das Behandlungskonzept einzubringen. Er soll aus einer passiven Rolle in eine partnerschaftliche Rolle kommen. Die Infektionsvermeidung ist ein Teilaspekt davon – einer, der im ureigensten Interesse des Patienten liegt. Er soll ermutigt werden, ihn beunruhigende Beobachtungen zu hinterfragen, das aber nicht im Sinne einer Gegnerschaft zum behandelnden Personal, sondern unterstützend. Aber klar: Das ist ein Paradigmenwechsel.

BZ: So eine Nachfrage kommt mir fast respektlos vor...

Tabori: Das ist nicht der Punkt. Schließlich geht es um die Sicherheit des Patienten. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn etwa auf einer chirurgischen Station ein Wundverband gewechselt wird und der Arzt oder Pfleger geht ohne Händedesinfektion sofort zum nächsten Patienten weiter, dann hält sich der Mitarbeiter de facto nicht an die Empfehlungen. Dann ist es doch richtig nachzufragen. Allerdings muss der Patient vorher informiert worden sein, wie ein Vorgang korrekt ablaufen sollte. Diese Hilfe haben wir in einer Info-Broschüre für Patienten zusammengestellt.

BZ: Es gibt Menschen, die haben große Angst davor, im Krankenhaus behandelt zu werden – aus Angst, sich einen Krankenhauskeim einzufangen. Zurecht?

Tabori: Angst ist kein guter Ratgeber. Man sollte sich natürlich bewusst sein, dass es im Krankenhaus viele kranke Menschen gibt – und auch Patienten mit infektiösen Keimen. Mit Krankenhauskeimen meint der Volksmund ja vor allem antibiotikaresistente Keime. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, mit einem solchen in Berührung zu kommen, im Krankenhaus größer als bei einer Wanderung im Schwarzwald.

BZ: Zwischen 3,5 und 5 Prozent der Klinik-Behandlungen sollen eine Infektion nach sich ziehen.

Tabori: Das ist richtig. Das heißt aber auch: 95 Prozent der Patienten gehen ohne eine Infektion nach Hause. Das ist ein Wert, um den uns die meisten Länder dieser Welt beneiden. Es sind auch nur 15 bis 30 Prozent dieser Infektionen von außen beeinflussbar. Der größte Teil wird durch Patientenfaktoren bestimmt – etwa ein geschwächtes Immunsystem. Auf Deutschland bezogen reden wir dennoch von 250 000 Infektionen pro Jahr, die vermeidbar wären.

BZ: Was könnte man besser machen?

Tabori: Da gibt es einiges: Konsequente Händehygiene und weitere Präventionsmaßnahmen, angemessener Umgang mit Patienten – etwa, dass infektiöse und infektionsgefährdete Patienten nicht in einem Zimmer zusammengelegt werden. Und die richtige Zuordnung und Aufbereitung der verwendeten Instrumente. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, genügend Personal für die Patientenversorgung zu haben. Jemand, der unter Zeitdruck arbeiten muss, macht mehr Fehler.

BZ: Der Gründer des BZH , Franz Daschner, sagte kürzlich: Die Kliniken haben genug Geld für die Hygiene. Sie geben es nur an der falschen Stelle aus.

Tabori: Dem würde ich nicht widersprechen. Die Ressourcen werden leider nicht selten für Anschaffungen verwendet, die vorzeigbar sind, aber keinen Patientennutzen bringen. In den letzten 20 Jahren ist zwar die Einsicht gewachsen, dass eine wirksame Infektionsprävention notwendig ist. Aber es gibt leider immer noch Entscheider, die die harte Arbeit, die dahinter steht, nicht erkennen. Mit der Hygiene ist es – verzeihen Sie den Vergleich – wie mit einem Abfluss: Solange er funktioniert, macht sich keiner darüber Gedanken. Wenn der Abfluss aber verstopft ist, nehmen Sie alles in die Hand, um den Zustand zu beseitigen. Übersetzt: Wenn wir gute Arbeit leisten, sodass keine Hygieneskandale zu beklagen sind, nimmt das niemand wahr. Hygiene kostet Geld und braucht Fachwissen – sie ist aber mit wenig Feuerwerk umgeben.

BZ: Das Beratungszentrum betreut knapp ein Drittel der Kliniken in Deutschland. Wie muss man sich das vorstellen?

Tabori: Unsere Berater betreuen viele Einrichtungen kontinuierlich, mit Vor-ort-Präsenz und Mitarbeiter-Schulungen. Es gibt gesetzliche Vorgaben und klare Empfehlungen zur Berechnung des Bedarfs an Hygienikern an einer Einrichtung. Sind die Ressourcen vor Ort nicht da, bieten wir mit unseren Beratern Hilfe an. Auf diese Art kommen auch kleine Einrichtungen wie Praxen oder ambulant operierende Zentren in den Genuss einer hochqualifizierten Hygieneberatung. Außerdem geben wir Merkblätter heraus, die ständig aktualisiert werden, und haben eine Hotline. So erhält jeder unserer Klienten sofort eine Lösung für sein Problem, die dem Wissen der Zeit entspricht.

BZ: Warum stellen die Kliniken nicht selbst ausreichend Hygieniker ein?

Tabori: Es gibt in Deutschland viel zu wenige. Laut Bundesärztekammer gab es 2017 lediglich 79 Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin in ganz Deutschland. Leider sind die Stätten für diese Facharztausbildung in den letzten 20 Jahren weiter zurückgegangen. Das BZH ist heute einer der großen Ausbilder. Anders als Kliniken erhalten wir dafür aber keine Förderung, weder von der Politik noch von den Krankenkassen. Das ist in meinen Augen paradox. Da wurden die politischen Weichen eindeutig falsch gestellt.