Interview

Warum traumatisierten jungen Flüchtlingen geholfen werden muss

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Sa, 23. März 2019 um 18:23 Uhr

Südwest

BZ-Plus Migranten, die ihre Traumata mitgebracht haben, brauchen dringend Unterstützung, fordern die Therapeuten Gehad Mazarweh und Angelika Rees. Auch weil es um den Schutz der Bevölkerung geht.

BZ: Herr Mazarweh, Frau Rees, Sie machen sich Sorgen als Therapeuten, die mit jungen Migranten arbeiten. Warum?

Mazarweh: Weil wir als Fachleute ermessen können, was es bedeutet, in unserer Gesellschaft mit Traumatisierten zu leben. Daher ist unser Appell: Lasst uns gemeinsam tun, was getan werden sollte, auch, damit wir uns gegen Gefahren schützen. Ich persönlich halte es schon für ein Problem, wenn Jugendliche gelangweilt irgendwo herumspazieren, nicht wissen, wie sie ihre Zeit verbringen sollen und auch keinen Sinn in ihrem Leben sehen.

BZ: Wer oder was könnte ihnen diesen Sinn verschaffen?

Mazarweh: Wir alle sind es. Wir können diesen jungen Leuten einen Sinn im Leben geben, nachdem sie alles verloren haben. Gerade die jungen Menschen, die durch die Flucht und möglicherweise Verlust ihrer Familien besonders stark verunsichert sind, brauchen das Gefühl, dass sie willkommen sind. Sie wollen dazu gehören, sie brauchen eine sinnvolle Beschäftigung und dafür Anerkennung, damit sie Selbstvertrauen aufbauen und sich entwickeln und integrieren können.

BZ: Wir, das sind die ganze Gesellschaft?

Mazarweh: Jeder nach seinen Möglichkeiten. Ein junger Mensch, der alles verloren hat, vor allem seine Familie – das Kollektiv, das ihm Schutz gegeben hat –, wenn all das nicht mehr da ist zur Orientierung, dann fühlt sich dieser Mensch verloren.

BZ: Und unser teures und personell aufwendiges Auffangsystem aus Behörden, Betreuern, Lehrern und Sozialarbeitern leistet diese Arbeit nicht?

Mazarweh: Seit 2015 hat sich viel entwickelt: Es wurden Fachleute eingestellt und auch PAMF (der Psychoanalytischer Arbeitskreis für Psychotherapeuten und Psychiater von Migranten in Freiburg, siehe Info, d. Red.) hat Fortbildungen, etwa in psychoanalytischer Traumatheorie angeboten, die heute Früchte tragen.

Es gibt viele qualifizierte Kollegen, die an allen Orten arbeiten. Aber es gibt auch Fachleute, die Angst haben vor dem direkten Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen. Wenn sie keine Unterstützung bekommen, ist es der Schwächste, der die Kosten trägt, und das ist der geflüchtete Mensch, der dann nicht die Unterstützung findet, die er braucht. Aus Personalmangel wurden aber auch Menschen eingestellt, die keine Ausbildung haben. Besonders sie brauchen Unterstützung in Form von Fortbildung und Supervision.

Rees: Schwierige Entscheidungen, bezogen auf die jungen Leute, werden häufig von Sachbearbeitern getroffen, ohne dass Fachleute wie wir hinzugerufen werden. Man könnte und müsste das ganze System – auch mit den vorhandenen Ressourcen – anders organisieren. Im Mittelpunkt sollte immer der Betroffene stehen, und erst, wenn ein gut ausgebildeter und erfahrener Sozialarbeiter, Psychologe oder Arzt ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt hat, wissen wir, mit wem wir es zu tun haben, was der persönliche Hintergrund ist, was die Stärken und Schwächen. Es ...

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