Basler Weltgesundheitsexperte

Was hat Polio mit Corona zu tun?

Alexander Huber

Von Alexander Huber

Di, 27. Oktober 2020 um 16:34 Uhr

Müllheim

Kinderlähmung steht dank massiver Anstrengungen vor der Ausrottung. Ein Experte spricht in Müllheim über die Erfahrungen eines erfolgreichen Kampfes und Parallelen zwischen Polio und Covid-19.

Am 28. Oktober, in einigen Gegenden der Welt auch am 24. Oktober, wird der Welt-Poliotag begangen. Die tückische Krankheit steht dank massiver globaler Anstrengungen kurz vor der Ausrottung. Was kann uns der Kampf gegen Polio angesichts der akuten Corona-Pandemie sagen? Darüber sprach Lutz Hegemann, Leiter des Bereichs Global Health bei Novartis, bei einem Online-Treffen des Rotary-Clubs Müllheim-Badenweiler.

Auch der Rotary Club Müllheim-Badenweiler mit seinen knapp 60 Mitgliedern hat seine Zusammenkünfte in den digitalen Raum verlegt. Eine erkleckliche Zahl an Mitgliedern konnte Ulrich Feuerstein, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Markgräflerland und aktueller Präsident des örtlichen Rotary-Clubs, am Montagabend vor den heimischen PC-, Tablet und Smartphone-Bildschirmen begrüßen. Der Grund für das besondere Interesse: Mit Lutz Hegemann, der in Badenweiler lebt, hat der hiesige Rotary Club einen ausgewiesenen Experten für Weltgesundheitsthemen in seinen Reihen. Der promovierte Mediziner leitet bei Novartis in Basel den Bereich Global Health. Unter anderem war er in Afrika für Programme im Kampf gegen Malaria und Lepra verantwortlich.

Geld für den Kampf gegen Polio gesammelt

Was die Bekämpfung von Poliomyelitis, kurz Polio, angeht, gibt es eine besondere Verbindung zu den Rotariern. Rotary Clubs haben sich besonders intensiv der Auseinandersetzung mit dieser Krankheit verschrieben, die hierzulande auch als Kinderlähmung bezeichnet wird. Auch der Rotary Club Müllheim-Badenweiler war aktiv mit dabei: Mit diversen Aktivitäten wie Benefizkonzerte und eine Kino-Matinee im vergangene Jahr sammelten die Markgräfler Rotarier Geld für den Kampf gegen Polio.

Und der scheint nach jahrzehntelanger gemeinschaftlicher Kraftanstrengung, an der auch weitere Organisationen wie die Bill & Melinda Gates Stiftung beteiligt waren, fast gewonnen – jedenfalls ist das die momentane Bestandsaufnahme. Wie Hegemann berichtete, gibt es aktuell nur noch 147 gemeldete Polio-Fälle in Pakistan und 57 Fälle in Afghanistan. Ende August dieses Jahres konnte die WHO Afrika als poliofrei erklären – ein historischer Moment, wie Hegemann bemerkte.

Parallelen zwischen Polio und Covid-19

In Deutschland erreichte die Polio-Ausbreitung Anfang der 1960er-Jahre ihren Höhepunkt. Bei allen biologischen Unterschieden der Krankheitserreger gibt es bemerkenswerte Parallelen zur gegenwärtigen Corona-Pandemie. Wie Covid-19 aktuell war Polio damals weder heilbar noch konnte man sich durch einen Impfstoff dagegen schützen. Und: Auch bei Polio verlief eine Infektion bei der Mehrheit der Infizierten milde oder gar komplett unbemerkt, wurde aber dadurch weiterverbreitet. Diverse Verläufe jedoch waren gravierend mit schwersten, bleibenden Schäden. Mit der Entwicklung eines Impfstoffs, der üblicherweise mit einem Stück Würfelzucker verabreicht wird, begann der erfolgreiche Kampf gegen die tückische Krankheit.

Völlig ungefährdet ist der Erfolg jedoch nicht. Unter anderem die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass notwendige Polio-Impfungen dieses Jahr in größerem Stil ausgeblieben sind. Lutz Hegemann warnte generell eindringlich davor, mit der Bekämpfung von Covid-19 die anderen Herausforderungen der Weltgesundheitsversorgung aus dem Blick zu verlieren, etwa den Kampf gegen die eigentlich gut behandelbare Tuberkulose, die nach wie vor täglich mehr Todesopfer weltweit fordert als Covid-19. "Es ist daher grundlegend problematisch, die bekannten Herausforderungen der Weltgesundheit den neuen Herausforderungen unterzuordnen", so Hegemann.

Lockdown verschafft nur eine Atempause

Der Experte sieht nach wie vor auch die westlichen Länder mit eigentlich guten Gesundheitssystemen unzureichend für die Pandemie gerüstet. Ein Lockdown sei nicht das entscheidende Allheilmittel, sondern verschaffe bestenfalls eine Atempause, die man aber auch konstruktiv nutzen müsse, etwa mit dem Aufbau weiterer Testkapazitäten und der Intensivierung der Nachverfolgung Infizierter, erklärte Hegemann.

Eine Herausforderung von gewaltigen Dimensionen komme auf die weltweiten Gesundheitssysteme zu, wenn ein Impfstoff gegen Covid-19 dann tatsächlich parat stehe. Dazu gebe es indes noch etliche Unwägbarkeiten, meinte Hegemann. So könne man derzeit noch nicht verlässlich sagen, wann genau es so weit sei noch, wie umfassend der Impfstoff dann tatsächlich wirken werde. Fest stehe indes schon jetzt: Doch die Verteilung werde ein Kraftakt, den es in dieser Form – die ganze Welt wartet zeitgleich auf ein Mittel – im Grunde noch nie gab. Allein Hegemanns Verweis, dass viele Impfstoffe stark gekühlt, bei bis zu -70 Grad, gelagert werden müssen, lässt erahnen, welche logistischen Probleme zu schultern sind.

"Wir müssen in die entlegensten Winkel der Welt"

"Denn es geht ja nicht nur darum, dass wir in den reichen Ländern den Impfstoff schnell bekommen. Wir müssen ihn in die entlegensten Winkel der Welt, auch in Krisen- und Konfliktgebiete, bringen", sagte Lutz Hegemann und griff damit den roten Faden der Polio-Erfahrungen wieder auf. Nicht nur aus ethischen, sondern auch aus epidemiologischen Gründen. Wolle man Corona wirklich in den Griff bekommen, so müsse das in dieser vernetzten Welt tatsächlich global gelingen: "Wie bei Polio gilt auch für Corona, dass niemand sicher ist, solange nicht alle sicher sind."

Hegemann kritisierte in diesem Zusammenhang deutlich die Bestrebungen mancher Länder, sich riesige Mengen an Impfstoff vorab zu sichern. Als positives Gegenbeispiel zu solchen Alleingängen nannte er das unlängst verfasste Kommuniqué von 16 globalen Pharma- und Diagnostikafirmen, die sich gemeinsam mit der Bill & Melinda Gates Stiftung dazu bekannten, den Zugang der Weltbevölkerung zu Covid-19-Diagnostika sowie künftigen Impfstoffen und Medikamenten sicherzustellen. Ärmeren Ländern sollen die Produkte demnach kostenfrei oder zum Selbstkostenpreis zur Verfügung gestellt werden.