WVIB-Debatte um künstliche Intelligenz

Was sollen Maschinen tun dürfen?

Bernd Kramer

Von Bernd Kramer

Fr, 25. Oktober 2019 um 18:27 Uhr

Wirtschaft

Wie muss eine moderne Wirtschaftsethik beschaffen sein? Dieser Fragen widmete sich eine Podiumsdiskussion des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen Baden.

Die Botschaft ist klar: "Wir sollten auf den gesunden Menschenverstand vertrauen", sagt Philippe Merz, Philosoph und Geschäftsführer der Freiburger Thales-Akademie für Wirtschaft und Philosophie. Seine Empfehlung bezieht sich auf den Umgang mit der künstlichen Intelligenz (KI) – jenem Ansatz in der Informatik, der derzeit in vieler Munde ist.

Ihm werden gewaltige Kräfte zugeschrieben. Er wird viele Arbeitsplätze verschwinden lassen, heißt es. In kühnen Prognosen wird sogar behauptet, dass KI dazu beitragen wird, die Maschine auf Augenhöhe mit dem Menschen zu bringen – in all seinen Facetten wie die Fähigkeit etwas wahrzunehmen, etwas zu beurteilen und entsprechend zu handeln. Das wirft ethische Fragen auf: "Was soll die Maschine tun dürfen?" oder "Gibt es moralische Grenzen für den Einsatz der KI in Wirtschaft und Gesellschaft?"

Schneller gewordene Rechner waren Voraussetzung für KI

Angesichts der Brisanz widmete der Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden (WVIB) dem Thema eine Podiumsdiskussion unter dem Titel "Wirtschaftsethik 4.0 – Überholt der Fortschritt die Moral?" Unter der Moderation von WVIB-Hauptgeschäftsführer Christoph Münzer wird deutlich, dass die Methode, auf der KI beruht, schon alt ist. Ihren jetzigen Höhenflug verdankt sie den schnelleren Rechnern, sagt WVIB-Präsident Thomas Burger.

Sie erlauben unter anderem die rasche Verarbeitung von sehr vielen Bilddaten. Wird die Maschine mit diesen Informationen gefüttert, zum Beispiel Katzenbildern, lernt die Maschine Katzen als solche zu erkennen. Das Gleiche gilt für Tumore oder Hindernisse auf der Straße – man spricht vom maschinellen Lernen. Mit dem Infoschatz geben KI-Systeme Diagnosen, schlagen Behandlungsmethoden vor oder weichen beim autonomen Fahren einer Verkehrsinsel aus.

Ein Knacks für das menschliche Selbstverständnis

Einer der größten Triumphe der neuen Technik: KI-Systeme schlagen mittlerweile mühelos Großmeister des Brettspiels Go. Go ist nicht nur komplex wie Schach, sondern Sieg oder Niederlage haben auch viel mit Intuition zu tun. Eine Gabe, die man bislang nur dem Menschen zuschrieb. Die Go-Niederlagen hätten dem Selbstverständnis des Menschen, Maschinen überlegen zu sein, einen Knacks gegeben, sagt Hanna Bast, Professorin für Algorithmen und Datenstrukturen an der Uni Freiburg.

So viel Potenzial macht auch das Militär neugierig. Selbst kämpfende Roboter, autonome Drohnen, die über Leben oder Tod entscheiden – für Philippe Merz ein No-Go. Hier müsse dem Einsatz von KI eine Grenze gesetzt werden. Der Philosoph plädiert für einen offenen Diskurs, an dessen Ende sinnvolle KI-Leitlinien und gesellschaftlich akzeptierte KI-Geschäftsmodelle stehen sollten. Dazu zählt für ihn zum Beispiel mehr Datensouveränität für Verbraucher. Solche Rechte müssten keineswegs geschäftsschädigend sein. Der Rest der Welt verfolge beispielsweise aufmerksam die Datenschutz-Debatte in Europa. Apple, einer der größten US-Spieler in der Informationstechnik, nutzt die Datensicherheit heute als Verkaufsargument.

Hanna Bast verweist darauf, welch hohen Stellenwert Demokratie und Freiheit zu Recht in Deutschland hätten. Dies habe allerdings einen Preis. Es werde langsamer entschieden, manche neue Technik brauche wegen Widerständen länger, bis sie sich hierzulande durchsetzt. Dies sorge aber auch für Schutz: Der allumfassende Einsatz von Informationstechnik, um wie in China Menschen auf Schritt und Tritt zu kontrollieren, sei hier kaum denkbar. Wichtig ist der Wissenschaftlerin, dass die Digitalisierung an der Basis schneller vorankomme – also zum Beispiel über eine gute Netzstruktur.

Nach Meinung von Lüder Gerken, Ökonom und Chefs des Freiburger Centrums für Europäische Politik, ist es entscheidend, dass die KI in der EU nicht schon in ihren Kinderschuhen so reguliert wird, dass sie sich nicht richtig entfalten kann. Er wünscht sich, dass sich die Europäer am US-Ansatz orientieren: Erst ausprobieren, schauen, was schiefläuft, und dann wirksame Regeln setzen. Um von den wirtschaftlichen Vorteilen der KI profitieren zu können, bedarf es auch einer gemeinsamen europäischen Anstrengung. Ansonsten könne man mit den USA und China nicht konkurrieren.

Technischer Fortschritt schafft auch neue Stellen

Markus Reithwiesner, Chef der Freiburger Haufe-Gruppe, fordert ebenfalls mehr Offenheit gegenüber dem technischen Fortschritt. Das in Deutschland geblockte, auf dem Internet beruhende US-Beförderungsunternehmen Uber sei ein Segen, weil es den Personentransport erleichtere. Für Reithwiesner ist aber auch klar, dass KI Stellen kosten wird. Auf KI basierende Software seines Unternehmens erlaube es schon heute, Belege automatisch einzubuchen. Das führt zu weniger menschlicher Beschäftigung in der Buchhaltung. Hannah Bast sieht trotzdem keine neuen Heere von Arbeitslosen: "Neue Techniken schaffen auch neue Beschäftigungsmöglichkeiten. "