Heute hätte es begonnen

Was vom Freiburg Festival übrig bleibt

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 19. Mai 2020 um 20:00 Uhr

Theater

Heute hätte das Freiburg Festival begonnen. Eineinhalb Jahre Vorbereitung waren nicht ganz vergebens. Drei Gastspiele sind im Dezember zu sehen, ein Projekt am Stühlinger Kirchplatz nächstes Jahr.

Heute hätte es begonnen und Freiburg zehn Tage lang in ein Laboratorium, eine Spielwiese, ein Experimentierfeld der Demokratie verwandelt. Und jetzt sind eineinhalb Jahre Vorbereitung für das zweite Freiburg Festival mit dem vielversprechenden Titel "Performing Democracy" für die Katz. Für die Katz? Nicht ganz. Ganz geben sich die drei Institutionen, die das Festival in produktiver Zusammenarbeit gemeinsam organisiert haben, das E-Werk, das Theater im Marienbad und die Städtischen Bühnen, dem Virus nicht geschlagen. Drei Gastspiele aus dem Programm werden in Freiburg zu sehen sein.

Immerhin. Auch wenn die Vielfalt des Festivals durch diese Auswahl nicht annähernd repräsentiert werden kann. Erstmals hatten die sechs Kuratorinnen intensiv um eine inhaltliche Positionierung des Festivals gerungen und den Fokus am Ende allein auf die westlichen Demokratien gelenkt: ein Ansatz, dem bei der derzeitigen Einschränkung demokratischer Grundrechte zusätzliche Brisanz zugekommen wäre. Nun ja. Frühzeitig schon musste das Festival abgesagt werden, allerdings waren die Programmflyer und die Plakate bereits gedruckt. Was bleiben wird, ist die neue Homepage, auf der ab heute ein 18 Minuten langer Trailer Einblick gibt in das, was jetzt nicht zu sehen ist.

Zum Beispiel die Produktion "Reflection" der Choreografin Isabelle Schad, Trägerin des Deutschen Tanzpreises 2019, im Großen Haus des Theaters. "Reflection" zeigt, wie Körper, die aus Vielen gemacht sind, in ihre Einzelteile zerfallen: Auch dies liest man unter Corona anders. Oder Julian Hetzels Performance "All inclusive", bei der Flüchtlinge durch ein Museum mit Insignien von Krieg und Gewalt geschleust werden. Oder die Experimentieranordnung "Reverse Colonialism!", bei der die Zuschauer entscheiden können, wie ein integratives Land für europäische Afrikaner oder afrikanische Europäer aussehen könnte. Das fiele wohl unter das Rubrum "Stimmen abgeben". Gemeinsam mit "Stimmen hören" und "Stimmen erheben" hätte es das Festival gegliedert, das sich der schon vor der Pandemie zu beobachtenden Krise der europäischen Demokratien stellen wollte.

Unter anderem auch mit dem partizipativen Stadtprojekt "Stadt der Lebewesen. Was heißt hier öffentlicher Raum, du gebietsfremde, invasive Art?". Die Gruppe Club Real hatte dazu schon intensiv den Stühlinger Kirchplatz in Freiburg mit seinen sehr unterschiedlichen Lebewesen ins Visier genommen. Ein bestimmter Geldbetrag sollte ausgelobt werden, über dessen Verwendung ein eigens gegründetes "Parlament der Lebewesen" hätte abstimmen sollen: ein Versuch, nichtmenschliche und menschliche Spezies für demokratisches Zusammenleben zu sensibilisieren.

Die gute Nachricht: Dieses aufwändige Projekt, das die Stadt nach einigem Hin und Her genehmigt hatte und in das schon viel Zeit geflossen ist, soll genau ein Jahr später realisiert werden. Schon im Dezember wird es zu einer – wenn man so will – Mini-Ausgabe des Freiburg Festivals kommen: Dann zeigt der libanesische Choreograf Rabih Mroué seinen Doppelabend "Elephant / You Should Have Seen Me Dancing Waltz" im E-Werk – unter welchen Umständen, wird man dann sehen. Bei Fortbestand des jetzigen Hygieneregimes werden kaum mehr als 80 Zuschauer das Ereignis im großen Saal verfolgen können. An zwei Aufführungen oder Streaming wird gedacht – wobei die Festivalmacher unisono der Ansicht sind, dass digitale Formate in keiner Weise Ersatz für Live-Performances sein können.

Zu sehen sein wird außerdem im Kleinen Haus des Theaters "Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis" des Berliner Performance-Kollektivs She She Pop, in dem es um den Umgang mit (ererbtem) Privatbesitz geht. Und das Kinder- und Jugendtheater zeigt "Untitled" des Jungen Theaters Basel, in dem sechs junge Baslerinnen mit dem Theaterkollektiv Henrike Iglesias auf die Suche nach dem emanzipatorischen, empowernden – ja revolutionären – Potenzial der jungen Generation geht; eine, so Marienbad-Leiterin Sonja Karadza, ungeheuer dynamische Inszenierung.

Auf diese drei herausragenden Gastspiele also darf man sich freuen – und den Verlust der anderen Festivalproduktionen bedauern. Interessant gewesen wäre sicher auch "Mund-Stück", das Ergebnis der Reise eines britischen und einer argentinischen Künstlerin in die Mitte Deutschlands mit der an zufällig getroffene Passanten gestellten Frage: "Was müsste Ihrer Meinung nach mal gesagt werden?" Oder "Die Berufung", bei der das Theaterkollektiv Markus&Markus auf die Suche nach Menschen gingen, die bereit sind, die Demokratie zu verteidigen. In den letzten Wochen sind es sicher nicht mehr geworden.

60 000 Euro vom Etat sind übrig geblieben. Nach Wunsch von E-Werk-Leiter Jürgen Eick und seinen Mitstreiterinnen soll das Geld Freiburger Künstlerinnen und Künstlern zugute kommen. Sie können es brauchen – mehr denn je.

Der Trailer ist anzusehen unter http://www.freiburgfestival.de