Anschlag in Halle

Was wir bisher über den mutmaßlichen Täter und die Tat wissen

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Do, 10. Oktober 2019 um 11:04 Uhr

Deutschland

Nur glückliche Umstände haben offenbar verhindert, dass ein Rechtsextremist in einer Synagoge in Halle ein Massaker anrichtet. Zwei Menschen kamen ums Leben. Über den Täter ist mittlerweile einiges bekannt.

Die Polizei hat kurz nach den Taten den 27 Jahre alten Stephan B. festgenommen. Wo genau die Festnahme passierte und warum über Stunden die rund 15 Kilometer entfernte Gemeinde Landsberg abgeriegelt war, dazu gibt es widersprüchliche Angaben. Dort wurde am Donnerstagfrüh auch das mutmaßliche Tatfahrzeug abgeschleppt, mit dem der Täter nach Informationen aus Sicherheitskreisen einen Unfall gebaut haben soll, einen gemieteten Golf. Offiziell hat die Polizei bisher nur bestätigt, dass der Festgenommene der mutmaßliche Täter sei und dass er verletzt worden sei. Nach BZ-Informationen soll er sich selbst am Hals verletzt haben.

Seit Mittwochnachmittag hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen unternommen, er sieht den Verdacht einer Straftat mit besonderer Bedeutung und antisemitischem und rechtextremistischem Motiv.
Etliches spricht inzwischen dafür, dass der Tatverdächtige sich den Massenmörder im neuseeländischen Christchurch zum Vorbild genommen hatte. Dort hatte der Täter in zwei Moscheen mehr als 50 Menschen getötet und den Anschlag live im Internet übertragen.

Stephan B. hatte offenkundig sein Fahrzeug voller selbstgebauter Waffen und Sprengsätze geladen und wollte eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Wie der Täter von Christchurch nahm auch er ein Video mit seiner Helmkamera auf und streamte live über die Gamerplattform twitch im Internet. Der Account war laut twitch vor zwei Monaten eröffnet worden.

Das gut halbstündige Video, das laut twitch von etwa 2200 Menschen gesehen wurde, zeigt nach Informationen der "Zeit" zunächst den Attentäter noch vor der Anfahrt im Auto. Er rede erst auf Deutsch, dann auf Englisch und liefere eine Art rechtsextremistisches Bekenntnis ab. Mit Blick in die Kamera nenne er sich selbst "Anon", leugne den Holocaust, bezeichne den Feminismus als Grund für niedrige Geburtenraten, was zu Massenimmigration führe. Juden seien der Grund für diese Probleme. Anon ist ein in rechten Foren häufig verwendetes Pseudonym.

In dem Video sind demnach die Schüsse auf die Synagogentür zu verfolgen, das Scheitern des Versuchs, die Türe damit zu öffnen und die Wut des Täters, der sich selbst einen "Loser" nennt. Danach soll der Mann seinem ersten Opfer, einer Frau mehrfach in den Rücken geschossen haben. Sie starb vor der Synagoge. Auch auf einen Passanten soll er gezielt haben – wobei eine Ladehemmung ihn am Schießen hinderte. Nach kurzer Fahrt zum Döner-Imbiss feuerte er nach Informationen von Augenzeugen in dem Laden mehrfach auf ein Opfer, das vergeblich um Gnade bittet.

Der Täter stellte auch ein "Manifest" ins Internet – nach Informationen des Spiegel entdeckten Experten des International Centre for the Study of Radicalization (ICSR) in London das aus drei PDF-Dateien bestehende Dokument in einem rechten Forum. In dem Dokument würden die offenbar selbstgebauten Waffen abgebildet und es sei die Rede davon, "vorzugsweise Juden", aber auch Muslime und "Linke" zu töten.

Mit seiner Art der Tatbegehung wollte der Verdächtige nach Einschätzung von Experten eine internationale rechte Internet-Subkultur erreichen. Der Jenaer Extremismusforscher Matthias Quent sagte der dpa, das Video folge der Ästhetik eines Videospiels, auch durch die Ego-Shooter-Perspektive, sagte Quent. "Der Täter heroisiert sich, seine Opfer will er demütigen."

Was er äußere sei keine Einzelmeinung eines Spinners, sondern Ausdruck einer verbreiteten rechtsextremen Ideologie.

Am Nachmittag will Bundesinnenminister Horst Seehofer zusammen mit dem sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff eine Pressekonferenz geben.