Von der Kunst des Weglassens

Michael Baas

Von Michael Baas

Sa, 25. Mai 2019

Weil am Rhein

VITRA CAMPUS II: Eröffnungstalk mit Christoph Niemann.

"Der Design-Prozess verläuft nicht linear", weiß Christoph Niemann. Im Gegenteil. Das Vergaloppieren, das Scheitern gehören dazu. Das ist beim Zeichnen, dem Metier aus dem Niemann kommt, nicht anders. "Wenn ich zeichne, mache ich Experimente", verrät der 48-Jährige im Depot Deli auf dem Vitra Campus zum Auftakt der Ausstellung "Living in a Box" in dem rappelvollen Lokal. Dort werden alle greifbaren, leicht beweglichen Sitzgelegenheiten – Bänke, Hocker, Schemel – zusammen geklaubt, damit das in den Raum drängende Publikum sitzen kann. Der im Großraum Stuttgart aufgewachsene und nach gut einem Jahrzehnt New York nun seit elf Jahren in Berlin lebende Illustrator, Grafiker und Autor ist ein Star und eine gute Wahl für den Eröffnungstalk – zumal im Schloss Bonndorf im Kreis Waldshut derzeit eine Ausstellung seiner Arbeiten zu sehen ist, darunter nicht zuletzt Videos, animierte Zeichnungen und Stadtbilder.

Wie aber entstehen die Werke? Im Weiler Vitra Campus gab der Vater dreier Söhne launige und durchaus private Einblicke ("Ich bin begeisterter Löffler") in seine Werkstatt, und zwar von den Anfängen, dem eitlen Wetteifern mit dem Bruder um die perfekte Zeichnung, bis zu seinen heute weltweit gefragten Kompetenzen im Grenzbereich zwischen Kunst und angewandter Kunst. Die Magie liegt dabei nicht zuletzt in Niemanns Geschick, Gegenstände mit wenigen Strichen zur Geschichte zu verdichten, Objekte wie Subjekte zu verselbstständigen und mit dem nächsten Strich weiter zu verwandeln.

In diesen Prozessen aber sieht der Wahlberliner durchaus Parallelen zwischen Grafikern und Designern; denn während Letztere um die ideale Balance zwischen Form und Funktion ringen, reiben sich Grafiker am Spannungsverhältnis zwischen Ästhetik und Ausdruck. Dabei unterscheidet Niemann im Kern zwei Typen: Die sogenannten "Notausgangsbilder", die eine klare und singuläre Botschaft transportieren sowie "alles andere", was wiederum "sehr schnell sehr kompliziert" wird – zumal, wenn es sich auch noch "ästhetisch gut anfühlen soll."

Die Reduktion, das Komprimieren komplexer Sachverhalte auf klare Botschaften, lautet daher eine Maxime Niemanns. Darin steckt eine Kunst des Weglassens, die fokussiert auf "die minimale Information, die das Bild zusammenhält" und – zur Not in Etappen – eitle, beifallsheischende Schnörkel abschneidet. Mit einem kleinen Anteil unverzichtbarer Information das Maximale an Emotion stimulieren: So fasst Niemann seinen Ansatz zusammen. Und der lässt sich auf andere Kommunaktionsfelder übertragen – nicht zuletzt auf Design. Ein Beleg ist da unter anderem sein für den Katalog der 2017 im Vitra Design Museum gezeigten Ausstellung "Hello, Robot" entworfenes Titelblatt – eine abstrahierte menschliche Gestalt, die sich als Nukleus in ein labyrinthisches Liniengeflecht erweitert.

Fokussierung aber ist nur eine Zutat dieser Erfolgsküche. Ebenso wichtig sei es, Adressaten und Medium mitzudenken. Ein Titel etwa müsse schnell funktionieren, hat er erfahren. Dazu gehöre aber auch Empathie und möglichst "präzise Vorstellungen vom Wissen der Betrachter" – bis zu der Tatsache, dass die "visuelle Halbwertszeit" von Symbolen heute enorm sei, dass zum Beispiel Emoticons, die vor zehn Jahren gehypt wurden, inzwischen völlig verdrängt wurden von den Emojis.

Ein weiterer Faktor ist die Fähigkeit, das beim Wechsel vom Dreidimensionalen in die zweidimensionale Realität der Zeichnung unvermeidbare Unvorhersehbare als kreatives Potenzial zu nutzen. Dazu kommt last, but not least die Fähigkeit, die Vorstellungskraft der Betrachter anzuzapfen. "Was uns am meisten bewegt, ist das, was nicht zu sehen ist", erläutert Niemann, der lieber sich zeichnet als Dritte in die Pfanne zu hauen, wie er gesteht, an einer monströsen Reiterfigur des Fantasy-Malers Frank Frazetta, deren Gesicht bis auf leuchtend rote Augenpunkte hinter einer Maske verschwindet. Genau dieses Rätselhafte aber sei in dem Fall genialisch.

Schloss Bonndorf. "Bewegte Bilder", Werke von Christoph Niemann. Bis 2. Juni, Mi bis So 10 -12 Uhr, 14-17 Uhr.