Mobilfunkantennen

Weil sie keiner mag, werden Handymasten gern mal versteckt

Vanessa Köneke

Von Vanessa Köneke

So, 28. April 2019 um 20:42 Uhr

Panorama

Funklöcher will fast niemand. Mobilfunkmasten aber auch nicht. Hauseigentümer und Mobilfunkanbieter haben eine Lösung: Sie tarnen die Antennen.

Wer es nicht weiß, ahnt es nicht: Hinter dem unscheinbaren Schornstein auf einem Wohn- und Geschäftshaus am Würzburger Ringpark verbirgt sich eine Mobilfunkantenne. Bei Bauarbeiten war sie kurz sichtbar. Dann enthielt sie ihren Tarnmantel wieder.

Tarnkappen für die Antennen gibt es viele

Die Camouflage-Antenne ist so unauffällig, dass selbst Menschen in nächster Nähe sie offenbar kaum wahrnehmen. Die Bewohner des fünfstöckigen Gebäudes zeigen sich teils überrascht. "Nur im Keller ist uns die Anlage aufgefallen", sagt die 21-jährige Amelie Erhard. Mit dem Wissen sei der Blick aufs Dach witzig. "Es wäre schon ein sehr hoher Kamin." Wer mit aufmerksamem Blick schaut, merkt schnell: Diese ungewöhnlich hohen Kamine gibt es auf mehreren Häusern. In vielen Städten. Und Kaminattrappen sind nur eine Möglichkeit, um Funkanlagen zu kaschieren: Bäume, Palmen, gar Kirchen-Kreuze können in Wahrheit ein Sendemast sein. "Das Kamin-Design ist Standard", sagt der Münchner Ingenieur Hans Ulrich, der Kommunen zur Standortwahl berät. Aber möglich sei alles – ähnlich wie beim Kulissenbau im Theater.

Zig Meter hohe falsche Bäume gibt es vor allem im Ausland. Der Münchner Fotograf Robert Voigt hat den "New Trees" eine eigene Serie gewidmet. Seine Fotos aus den USA zeigen auch vermeintliche Wassertürme und Flaggenmasten.

In Deutschland verbergen sich Antennen eher in realen Gebäuden wie Kirchtürmen. Als Beispiele für "architektonische Kunst", bei der Antennen ins Landschaftsbild passten oder im Ausnahmefall gar nicht zu erkennen seien, nennt Vodafone zum Beispiel den Passauer Rathausturm, Getreide-Silos und in Freizeitpark-Attraktionen eingebaute Antennen. In Bayern seien nur zehn Prozent der Stationen freistehende Masten.

Die Deutsche Funkturm, eine Tochtergesellschaft der Telekom, die Funkstandorte baut und vermarktet, schätzt, dass in realen Gebäuden versteckte Antennen ebenso häufig sind wie die kamintypischen Kunststoff-Ummantelungen. Eine dritte Möglichkeit sei, Antennen in der entsprechenden Umgebungsfarbe anzustreichen. "Wenn wir die Wahl hätten, würden wir immer einen einfachen, unversteckten Standort wählen", sagt Sprecher Benedikt Albers. Schon alleine, weil getarnte Masten mehr kosteten und komplizierter zu warten seien. Laut Deutsche Funkturm sind bei ihren mehr als 29 000 Masten weniger als ein Prozent getarnt.

Doch die Wahl haben die Mobilfunkbetreiber nicht immer. Gemeinden und Grundstückseigentümer entscheiden mit. Regelmäßig protestieren Bürger gegen geplante Masten in ihrer Umgebung. Doch gleichzeitig wird der Ruf nach einem flächendeckenden Netz immer lauter.

In den USA wurden Masten schon als Bäume "verkleidet"

Für elektrosensible Menschen ist der Ausbau keine Freude. "Aber wir halten nicht ständig nach Masten Ausschau", sagt eine Sprecherin vom Münchner Verein für Elektrosensible und Mobilfunkgeschädigte. Wichtiger sei es, Wohnung und Arbeitsplatz strahlungsarm zu gestalten und handyreiche Umgebungen wie Straßenbahnen zu meiden. Die Tarnung von Masten finde sie dennoch nicht okay. Dass Mobilfunkanlagen verhüllt werden, ist nicht neu. Der US-amerikanische Hersteller Larson Camouflage zum Beispiel gibt an, 1992 den ersten als Pinie getarnten Mobilfunkturm hergestellt zu haben. Doch mit dichter werdendem Netz könnte die Nachfrage eventuell steigen. Auch der Denkmalschutz gebietet mancherorts Tarnungen: "Etwa um Blickachsen oder das Aussehen historischer Gebäude zu bewahren", sagt die Sprecherin des Landesamtes für Denkmalpflege.

Doch laut Berater Ulrich ist "auch das absichtliche Verstecken nicht marginal". Grundstücksbesitzer störten sich selbst am Anblick technischer Geräte oder wollten Streit mit Nachbarn vermeiden. Was den Eigentümer des Hauses am Würzburger Park, eine Stiftung, zum Kamin-Tarnkleid motiviert hat, ist unklar. Er will darüber nicht reden. Ob ein Mobilfunkmast in der Nähe steht, können Bürger über eine Online-Karte der Bundesnetzagentur herausfinden. Hier sind Anlagen mit Strahlung von mindestens zehn Watt gelistet. Die Kartenanzeige ist nicht exakt, ein Standort kann laut Behörde um bis zu 80 Meter verschoben sein. Tatsächlich offenbart die Datenbank für das Würzburger Haus in direkter Nähe eine 2016 genehmigte Anlage, 20 Meter über dem Boden.

Bewohnerin Amelie Erhard fühlt sich durch die Antenne über ihrem Kopf nicht beeinträchtigt: "In Städten ist Mobilfunk ja normal."