Stimmen aus Südbaden

Wenn der Klimaschutz gelingen soll, müssen Bürger und Kommunen freiwillig voran gehen

Sigrun Rehm, Otto Schekenburger

Von Sigrun Rehm & Otto Schekenburger

Mo, 06. Januar 2020 um 14:39 Uhr

Südwest

Der Sonntag Experten aus der Region sind sich einig: Damit die Temperatur gegenüber der vorindustriellen Zeit nicht um mehr als zwei Grad steigt, müssen wir unser Verhalten ändern. Helfen könnte etwa, den Alltag ohne Auto attraktiver zu machen.

"Wenn man sich die aktuellen Beschlüsse anschaut, sieht es leider sehr schlecht aus", sagt Rainer Grießhammer, Professor für Nachhaltige Produkte und langjähriger Geschäftsführer des Freiburger Ökoinstituts, zu den Weichenstellungen: "Es könnte sein, dass wir auf einen Temperaturanstieg von drei Grad zulaufen." Die Fortschreibung der alten Vorsätze bei der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Madrid bezeichnet er als Enttäuschung, den "Green Deal", mit dem die Europäische Union bis 2050 erster karbonneutraler Kontinent werden will, als "nicht mehr als gute Absicht" und das Klimapaket der Bundesregierung als völlig unzureichend.

Der Südwesten könnte besonders betroffen sein

Schon die Festlegungen der UN-Klimakonferenz von Paris 2015 zur Begrenzung der Klimaerwärmung auf unter zwei, möglichst sogar 1,5 Grad seien deutlich zu wenig ambitioniert gewesen, sagt Dirk Schindler, Professor für Umweltmeteorologie an der Universität Freiburg. Und seit 2015 seien die selbst gesetzten Zwischenziele Jahr für Jahr verfehlt worden. Als nach wie vor aktuell, wenn nicht schon von der Realität überholt, bezeichnet er daher die Analysen des Global-Carbon-Projects, die davon sprachen, dass eine Zwei-Grad-Erwärmung schon 2037 drohen könnte und eine Erderwärmung um drei Grad bis zum Jahr 2070. Deutschland und hier gerade der Südwesten werde davon besonders spürbar getroffen, prognostiziert Schindler.

"Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos." Rainer Grießhammer
Was also tun? Alle gesellschaftlichen Akteure – von Einzelpersonen über Stadtverwaltungen und Landkreise bis zu Land und Bund – seien gefordert, Beiträge zur Dekarbonisierung zu liefern. Eines sei klar: Wenn die Bürger nicht mitziehen, seien allen anderen die Hände gebunden, sagt Schindler. Denn rund 17 Prozent der deutschen CO2-Emissionen würden derzeit von Privathaushalten verursacht. Der größte Anteil sei auf die Bereitstellung von Raumwärme und Warmwasser zurückzuführen, bedingt vor allem durch das Heizen mit Öl und Gas. Einen großen Anteil habe auch der Kraftstoffverbrauch privater Fahrzeuge, so Schindler.

Mit der Grundhaltung "Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos", hat Rainer Grießhammer ("Der Öko-Knigge") kurz vor Jahreswechsel ein Buch mit dem Titel "#klimaretten" veröffentlicht, in dem er zeigt, wie stark jeder Einzelne seinen CO2-Ausstoß durch alltägliches Verhalten beeinflusst – sei es bei Stromverbrauch, Verkehr, Ernährung oder Wohnen. Es ist ein Handbuch für "Fridays for Future"-Aktivisten, die Argumente für die politische Debatte suchen, ein Nachschlagewerk für Politiker, die den Klimaschutz vor Ort und in der Welt voranbringen wollen und eine Mutmachfibel für Konsumenten. Grießhammer ist überzeugt: "Verhalten und Verhältnisse müssen geändert werden – das eine geht nicht ohne das andere."

Klimapaket der Bundesregierung – allenfalls ein erster Schritt?

Das Klimapaket der Bundesregierung, das unter anderem die Elektromobilität fördert, das Bahnfahren billiger macht und einen Steuerbonus bei Gebäudesanierungen gewährt, könne dazu allenfalls ein erster Schritt sein, sagt Grießhammer. Beklagenswert niedrig fällt in seinen Augen der kurz vor Schluss noch von 10 auf 25 Euro pro Tonne nachgebesserte CO2-Preis aus. Dieser soll ab 2021 das zentrale Instrument sein, um Bürger und Unternehmen anzuregen, klimafreundliche Produkte zu entwickeln und zu kaufen und klimaschädliches Öl, Gas, Benzin und Diesel einzusparen. Bis zum Jahr 2025 soll er auf 55 Euro pro Tonne steigen. "Zehn Euro wären absolut wirkungslos gewesen, 25 Euro sind besser, aber immer noch viel zu wenig, als dass Verbraucher ihr Verhalten ändern würden", sagt Grießhammer, der einen Einstiegspreis von 60 Euro gefordert hatte, der dann bis auf 180 Euro steigen sollte. Beim jetzt beschlossenen Co2-Preis rechne er damit, dass er erst ab dem vierten oder fünften Jahr Wirkung zeigt. "Wir verlieren also wertvolle Zeit", sagt der Träger des deutschen Umweltpreises.

Dass der Staat die Klimawende sozialverträglich gestalten will und die Mehreinnahmen durch den C02-Preis über eine Verbilligung des Stroms an die Bürger zurückgibt, begrüßt Grießhammer. Statt die Pendlerpauschale für Vielfahrer zu erhöhen und sanierungswillige Hausbesitzer zu unterstützen, sei allerdings eine Rückverteilung nach dem Pro-Kopf-Prinzip, wie es sie in der Schweiz gibt, sinnvoll: "Denn das würde vor allem Haushalten mit geringem Einkommen zugute kommen, weil sie in der Regel wenig Energie verbrauchen."

Autofreiheit muss attraktiv werden

Dirk Schindler sieht gerade auch die Kommunen in der Pflicht und in der Lage, die Klimawende voranzubringen. Dazu gehöre es, die energetische Sanierung ihrer Gebäude zu forcieren. "Kommunale Neubauten sollten hohen Energiestandards oder noch besser Plusenergiestandards genügen", sagt der Umweltmeteorologe. Der öffentliche Nahverkehr müsse attraktiver werden als Individualverkehr. "Mindestens im Nahbereich von Städten und Gemeinden muss ein autofreies Leben ohne gravierende Einschränkungen der Mobilität erreicht werden", so Schindler.

Ein besonderes Ärgernis ist für ihn, dass sich der Ausbau der Windenergie in Deutschland stark verlangsamt hat: "Ausgerechnet der unter den erneuerbaren Energien unverzichtbaren Windkraft schlägt in der Bevölkerung ein starker Widerstand entgegen." Grießhammer hingegen meint, dass die Gegner vor allem laut seien – und die Befürworter schweigen. In diesem Fall könnte die jüngste Idee der SPD, mögliche Vorbehalte mit einem "Windbürgergeld" zu überwinden, einen Versuch wert sein. Auch das zweite Klimathema, das die Sozialdemokraten zurück auf die Tagesordnung gebracht haben, weckt Hoffnung bei Grießhammer: die Ausweitung des Tempolimits. "Das kostet wenig und wirkt sofort – und zwar nicht nur bei der Reduzierung von CO2, sondern auch bei der Senkung der Unfallzahlen und des Lärms in der Stadt."

Für beide Experten ist klar: Weder mit dem Warten auf neue Vorschriften und Verbote noch mit dem Schüren von Scham und Sorge wird die Klimawende gelingen. Stattdessen gehe es darum, die Menschen aufzuklären und zu motivieren, sich freiwillig zu beteiligen und mit gutem Beispiel voran zu gehen. Wer beginnt, werde merken, dass Klimaschutz weder kompliziert noch teuer ist und dass eine Änderung des eigenen Verhaltens neben Verzicht auch Gewinn bedeutet, sagt Rainer Grießhammer: "Man wird in Zukunft anders leben, aber eher besser – gesünder, billiger und stressfreier."