Interview

Wie der Neustart in der Lebensmitte gelingen kann

Peter Riesbeck

Von Peter Riesbeck

Di, 24. November 2020 um 18:51 Uhr

Liebe & Familie

Die Kinder sind aus dem Haus, zurück bleibt eine neue Stille. Vielen stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Andrea Paluch, Autorin und Literaturwissenschaftlerin, hat Antworten.

Andrea Paluch ist Autorin und Literaturwissenschaftlerin und seit fast 25 Jahren mit dem Grünen-Chef Robert Habeck verheiratet. Das Paar hat vier Kinder großgezogen und mehrere Bücher gemeinsam verfasst. Nun hat Paluch ihren ersten Roman alleine geschrieben: In "Gipfelgespräch" erzählt sie die Geschichte einer Frau, deren Kinder das Haus verlassen haben und die in den Alpen neue Horizonte sucht. Peter Riesbeck sprach mit Paluch.

BZ: Frau Paluch, die Titelheldin Ihres neuen Romans begibt sich auf eine Bergwanderung. Was schätzen Sie selbst am Wandern?
Paluch: Ich persönlich habe mit Wandern nicht allzu viel zu tun. Auch meine Protagonistin im Buch kennt das Wandern eigentlich nicht. Sie macht das zum ersten Mal, stürzt sich in ein Abenteuer und geht ins Hochgebirge. Einen Gipfel zu besteigen, ist auch ein schönes Bild dafür, etwas zu vollbringen, das sie noch nie bewältigt hat. Und nicht zu ahnen, dass sie sich auch in Gefahr begibt.

BZ:
Der Aufstieg Ihrer Romanheldin zum Gipfel ist begleitet von einem inneren Dialog über ihr bisheriges Leben. Nach Jahren der Erziehungsarbeit ist sie plötzlich allein im Haus. Wie war das bei Ihnen, als der letzte Ihrer vier Söhne das Haus verlassen hat?
Paluch: Es war ganz still. Und es gab sehr viel Zeit. Das ist ein schleichender Prozess. Es zeichnete sich ja vorher schon ab, mit dem Erwachsenwerden der Kinder, dass man weniger Betreuungszeit braucht. Und obwohl das alles absehbar ist, und alle wissen, dass es einmal so kommt, ist der Auszug dann doch eine starke Umstellung für beide Elternteile – für die Frau und den Mann. Und beide Geschlechter gehen damit unterschiedlich um. Das erlebe ich auch in meinem Bekanntenkreis.

"Mütter werden cooler und stärker, Väter werden unsicherer."

BZ: Männer suchen dann oft nach neuen Bestätigungen und fangen zum Beispiel an, Marathon zu laufen. Wie gehen Frauen mit der Empty-Nest-Phase um?
Paluch: Meine Beobachtung ist: Mütter werden cooler und stärker, Väter werden unsicherer. Es passiert auf jeden Fall etwas, und es ist schwierig, mit diesen Wechseljahren gemeinsam klarzukommen. Männer fangen mit 40 an, Marathon zu laufen und mit 50 steigen sie um aufs Fahrrad, weil die Knie nicht mehr wollen. Oder sie gründen eine neue Familie. Das passiert ja auch ganz häufig. Aber mein Buch handelt nicht von Männern.

BZ: Wie lässt sich mit dieser plötzlichen Ruhe im Haus umgehen?
Paluch: Man muss sich im Grunde daran erinnern, wie es war, bevor man Kinder hatte. Und wie viel Zeit man für andere Sachen hatte. Vielleicht auch verplempert hat. Man muss wieder lernen, Zeit mit sich zu verbringen.

BZ: Was haben Sie persönlich wiederentdeckt?
Paluch: Bevor ich Kinder bekommen habe, habe ich mich auf Studium und Promotion gestürzt. Sich mit einer Sache befassen zu können, ohne abgelenkt zu werden, das ist echter Luxus. Jetzt sitze ich am Schreibtisch und denke die ganze Zeit, gleich braucht irgendwer irgendwas. Aber das passiert nicht. Ich kann mich wieder auf eine Sache fokussieren.
Andrea Paluch ist 49 Jahre alt und hat in Freiburg und Hamburg Literatur, Linguistik und Anglistik studiert. In Freiburg lernte sie ihren Mann, den heutigen Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck, kennen, mit dem sie mehrere Bücher verfasst hat, zuletzt das Stück "Neunzehnachtzehn" über den Kieler Matrosenaufstand am Ende des Ersten Weltkriegs. Das Paar lebt in Flensburg. Paluchs neuer Roman "Gipfelgespräch" (Verlag Ellert & Richter, 160 Seiten, 20 Euro) beschreibt eine Frau, die – nachdem die Kinder ausgezogen sind – zu einer Wanderung ins Hochgebirge aufbricht und dabei neue Ziele im Leben entdeckt.

BZ: Die neue Stille hatte in Corona-Zeiten für viele Eltern ein rasches Ende. Nicht nur waren sie selber plötzlich im Homeoffice, auch die erwachsenen Kinder landeten wieder zu Hause, weil die Ausbildungsstellen dicht machten, die Universitäten schlossen. Wie war das bei Ihnen?
Paluch: Das war geschenkte Familienzeit. Aber es war von allen Seiten dann auch irgendwann genug. Man teilt das Leben nicht mehr. Jeder hat jetzt sein eigenes Leben.

BZ: "Gipfelgespräch" ist ihr viertes Buch als Solo-Autorin. Zuvor haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann, Robert Habeck, Bücher geschrieben. Wie ist das, wenn man plötzlich alleine am Schreibtisch sitzt – eine Befreiung?
Paluch: Eine Befreiung war es überhaupt nicht. Das Gemeinsame fehlt vielmehr. Man motiviert sich gegenseitig, spricht die ganze Zeit, lacht, das ist unglaublich lebendig und lustig. Zu zweit zu arbeiten, ist auch unterhaltsamer und kreativer. Unsere Texte, die wir gemeinsam geschrieben haben, waren sehr klangvoll, weil wir die ganze Zeit gesprochen haben. Die Texte klingen jetzt ganz anders. Vielleicht muss ich mir beim Schreiben häufiger vorlesen.

"Ich habe immer unter meinem Namen geschrieben und kann mich da ganz gut abgrenzen."

BZ: Ihr Mann ist erst relativ spät in die aktive Politik gewechselt. Wie hat sich durch seine Karriere der öffentliche Blick auf Sie als Autorin verändert?
Paluch: Ich habe immer unter meinem Namen geschrieben und kann mich da ganz gut abgrenzen.

BZ: Ihrer Romanheldin ist die aktive Politik ein wenig suspekt, auch wegen des Streits.
Paluch: Die Protagonistin stört sich noch an etwas anderem: Es heißt häufig, in der Politik müsse man sich Mehrheiten suchen. Jemandem zu sagen, dass die eigene Meinung die bessere ist, empfindet meine Protagonistin aber als unangemessen und missionierend. Das ist es, was sie von der Politik fernhält.

BZ: Ihr Buch ist ein Roman und kein Familienratgeber. Aber mit Blick auf Lockdown-Zeiten und das bevorstehende Weihnachtsfest: Wie schaffen Sie es, die Feiertage stressfrei zu halten?
Paluch: Ich denke stets in Möglichkeiten. Wenn es eine stressige und eine stressfreie gibt, wähle ich Letztere.

Mehr zum Thema: