Digitaler Stress

Wie die Dauernutzung von Smartphones unser Gehirn verändert

Petra Kaminsky

Von Petra Kaminsky (dpa)

Mo, 15. Juli 2019 um 12:49 Uhr

Computer & Medien

Dass uns Handys beeinflussen, ist belegt. Nun fragt sich die Wissenschaft, wie sie das tun. Forscher haben herausgefunden, dass unser Arbeitsgedächtnis blockiert ist, sobald ein Handy nur in der Nähe liegt.

"Grundsätzlich ist es so, dass wir noch relativ wenig darüber wissen, wie digitale Medien das Gehirn und seine Aktivität verändern", sagt Nicole Wetzel vom Leibniz-Institut für Neurobiologie, die zu diesem Thema forscht. "Dass sie es verändern, ist keine Frage. Denn alles, was wir erleben, was wir lernen, egal ob wir ein Buch lesen oder eine Sandburg bauen, verändert unser Gehirn. Die Frage ist nicht ob, sondern wie genau."

Wenn ein Handy klingelt, lenkt uns das ab

Bei Versuchen kontrolliert Wetzels Team die Augen. Die Pupillen reagieren nicht nur auf Licht, sondern auch auf kognitive Prozesse. "Wenn wir etwas Überraschendes hören, weiten sich unsere Pupillen", erläutert die Forscherin. Eigentlich sollen die Testpersonen eine Aufgabe erfüllen. Wenn zwischendurch ein Handy klingelt, können die Forscher mit ihren Eye-Trackern erkennen, dass jemand von seinem eigentlichen Ziel abgelenkt wird.

Eine weitere Messmethode setzt bei den elektrischen Strömen im Gehirn an. Dafür bekommen die Probanden Hauben mit Elektroden für ein EEG auf den Kopf gezogen. Die Mess-Kappen zeichnen auf, welche Bezirke im Kopf in Schwung kommen, wenn ein Reiz eintrifft. Bestimmte Muster erlauben den Forschern Rückschlüsse, wie abgelenkt jemand ist. "Wenn ein Störgeräusch eingespielt wird, reagieren die Kinder meist langsamer oder machen mehr Fehler", sagt Wetzel. "Je jünger die Kinder sind, desto mehr sind sie beeinträchtigt in ihrer Leistung."
Neurobiologe über neue Technologien: "Wir tun unserem Gehirn keinen Gefallen"

Nun ist unser Denkapparat keine Festplatte, auf der man nur speichert und abruft, sondern ein empfindliches, hochgradig wandelbares Organ. Das Hirn reagiert schnell auf Einflüsse von außen, es ändert seine Vernetzungen. Experten sprechen von Plastizität. "Man kann sich das vereinfacht so wie ein Wegenetz vorstellen: Am Anfang, bei einem Kleinkind, sind viele Wege angelegt", erläutert Wetzel. "Und die Wege, die die Kinder häufig nutzen, die werden zu großen, breiten Straßen ausgebaut, wo der Verkehr schnell fließt." Wenig genutzte Wege verkümmern – ihr Ausbau wird später im Leben mühsamer. "Wenn ich jeden Tag viele Male mein Handy hervorziehe, wird das irgendwann auch so eine breite Straße – um im Bild zu bleiben."

Liegt das Handy in unserer Nähe, können wir uns schlechter konzentrieren

Der Smartphone-Boom etwa läuft erst seit etwas über zehn Jahren – zu kurz für große Langzeit-Studien. Trotzdem: Menschen nutzen vermehrt Navigationsapps statt Straßenkarten, Tablets statt Bücher, Einpark-Hilfen im Auto und sprechende Assistenten zu Hause. Oft deuten sich Zusammenhänge an, aber ob ein Geschehen wirklich Ursache eines Wandels im Kopf ist, bleibt häufig erstmal unklar.

In Großbritannien veröffentlichte die Gesundheitsorganisation RSPH einen Report zu sozialen Netzwerken und der Gesundheit junger Menschen. Ein wichtiger Punkt: Das Handy am Bett, das Checken, um nachts nichts zu verpassen, kann den Schlaf massiv stören. Einer von fünf Jugendlichen kontrolliere nachts seine Netzwerke. Für den Aufbau des jungen Gehirns jedoch ist viel Schlaf essenziell, wie die Studienmacher betonen.

In den USA machte der Psychologe Adrian F. Ward bei zwei Versuchen, die er 2017 mit Kollegen präsentierte, spannende Entdeckungen: Allein die Nähe des eigenen Smartphones reicht danach aus, dass Menschen bei Testfragen schlechter abschneiden. Lag das Gerät in einem anderen Raum, dachten Probanden mehr und antworten korrekter. Ward schlussfolgert, dass ein nahes Handy uns so in Beschlag nimmt, dass Ressourcen im Gehirn besetzt werden. Das Arbeitsgedächtnis in den Stirnlappen der Großhirnrinde, im Präfrontalen Cortex, etwa. Es kann dann weniger in anderen Feldern leisten.

Links in Texten lenken uns ab und hindern uns beim Lernen

Dass digitale Techniken in diesem wichtigen Hirnteil Spuren hinterlassen, berichten auch die Experten vom Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. "Digitale Medien sind per se weder gut noch böse", stellt Psychologie-Professorin Ulrike Cress, 53 und Direktorin des Instituts, klar. In Versuchen ließen die Tübinger ihre Testpersonen Wikipedia-ähnliche Texte, die Links zum Weiterklicken enthielten, zum Lernen nutzen. Und im Vergleich dazu Texte ohne Verlinkungen.

Das Ergebnis: Links bedeuten Ablenkung. Das Gehirn springt an, und zwar das Arbeitsgedächtnis. Dabei werden offenbar Ressourcen benötigt, die auch zum Lernen wichtig sind. Das Lern-Ergebnis kann sinken. "Das Spannende ist: Links lenken sogar dann ab, wenn sie nicht aufgemacht werden – nur weil sie vorhanden sind", sagt Arbeitsgruppenleiter Peter Gerjets. "Der Link kann einen Impuls im Kopf auslösen, den Wunsch auf die neue Netzseite zu springen. Den muss das Gehirn unterdrücken. "Und auch ein Unterdrücken belastet das Arbeitsgedächtnis."

Wer viel am Bildschirm liest, verbindet Lesen irgendwann mit Stress

Wer regelmäßig über Stunden am Bildschirm liest, dem fällt es häufig schwerer als früher, lange Strecken auf Papier konzentriert zu meistern, so die Analyse von Maryanne Wolf, Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin aus Los Angeles. Intensives Lesen wird plötzlich zum Stress. Denn digital husche man in der Regel über weite Teile hinweg, klopfe den Text auf Schlüsselwörter ab, überfliege den Rest. Dieses oberflächliche Scannen sei auf Geschwindigkeit angelegt. Passend dazu können Forscher zeigen, dass lange Informationstexte aus Büchern und von Papier im Gehirn besser erinnert werden.



Wolf warnt, dass sich das Gehirn durch die neuen digitalen Lesegewohnheiten daran gewöhnen könnte, flach und ungeduldig zu denken. Sie sieht die Gefahr, dass Menschen so einen Teil ihrer Fähigkeit zur Analyse komplexer Fragen verlieren. Aber bewiesen, räumt Wolf ein, ist das noch nicht.