Erfahrungen

Wie die Freiberufler-Szene unter den Corona-Einschränkungen leidet

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Von Klaus Riexinger, Peter Disch, Thomas Steiner & Bettina Schulte

So, 11. Oktober 2020 um 14:31 Uhr

Südwest

Der Sonntag Durchhangeln, neu erfinden, aufgeben: Die Corona-Pandemie hat das Unternehmerleben stark eingeschränkt. Vor allem Soloselbständige und Kleinstunternehmen haben mit den Folgen zu kämpfen.

Jeden vierten Freiberufler trifft die Corona-Krise sehr stark, 37,3 Prozent fühlen sich stark betroffen. Dies geht aus einer Umfrage des Landesverbandes freie Berufe hervor. Viele der Kleinstunternehmen und Soloselbstständigen haben ihre Hoffnung auf eine Normalisierung des Geschäfts nach dem Sommer gesetzt. Doch jetzt steigen die Infektionszahlen wieder.

Knüppelhart seien die Auftritte während der Corona-Pandemie geworden, sagte der Freiburger Kabarettist Jess Jochimsen jüngst im Online-Talk der Badischen Zeitung. Musste er während des Lockdowns ganz auf seine Auftritte verzichten, sind sie jetzt immerhin möglich. Allerdings darf aus Corona-Hygiene-Gründen nur noch etwa ein Viertel der Gäste in die Säle kommen. Doch selbst diese wenigen Plätze füllen sich nur schwer: Die Menschen sind offenbar verunsichert und bleiben lieber zuhause. "Wirtschaftlich", sagt Jochimsen, "ist das nicht mehr darstellbar." Die Rettungsschirme für Künstler bezeichnet der Kabarettist als "dürftig". Er gehe davon aus, dass da noch was komme. Sonst werde es "keine Schneise der Verwüstung" in der Kulturlandschaft geben, sondern "sehr viel Wüste".

Der Lockdown führte zu Auftritt-Einbußen

Dem Friesenheimer Kontrabassisten Thias Salhab sind dieses Jahr 95 Prozent aller geplanten Engagements weggebrochen. Die erste Zeit hat der Profimusiker und Teil der Swing-und Rockabilly-Band Nina & the Hot Spots durch Rücklagen auffangen können. Dann kompensierte die Soforthilfe des Landes Baden-Württemberg zumindest einen Teil der Kosten für Wohnen und Essen – allerdings begrenzt für drei Monate. Aber immerhin gab es diese Hilfe. Künstler in anderen Bundesländern mussten da schon Grundsicherung beantragen. Faktisch, sagt Thias Salhab, sei die Live-Musikbranche noch immer im Lockdown. Es werde politisch mit zweierlei Maß gemessen, kritisiert der Friesenheimer: Die Veranstaltungsbranche wurde als erste ins Koma versetzt – und werde als letzte hochgefahren. Den Winter hat Salhab bereits abgeschrieben. Bleibt die vage Hoffnung aufs Frühjahr 2021.

Drei Viertel aller freischaffenden Künstler teilen laut der Umfrage die Erfahrung von Salhab. Kaum besser sieht es bei den freien Heilberufen mit zwei Drittel stark Betroffenen aus.

"So ist es jetzt halt." Yogalehrerin Anna Malcherek
Anna Malcherek aus Kirchzarten ist seit 27 Jahren selbständige Yogalehrerin. Bei ihr hat Corona einiges verändert, aber mit Anpassungen an die Lage ist sie einigermaßen gut durch die Krise gekommen. Statt dass die Teilnehmerinnen im Lockdown zu ihr kamen, schickte sie ihnen jede Woche zwei bis vier Seiten Anleitungen für die Übungen. "Das war viel Arbeit", sagt sie, "aber es wurde gut angenommen." Es folgte eine Phase, in der sie ihre Kurse ins Freie, auf eine Wiese, verlegte. Ein größerer Unterrichtsraum in einem Tanzstudio, den sie bisher einmal in der Woche nutzte, steht ihr jetzt nicht mehr zur Verfügung. Und im eigenen Haus kann sie wegen der Abstandsregeln nur noch sechs bis sieben Teilnehmerinnen unterrichten statt vorher zehn oder zwölf. Auch weil nicht alle sich jetzt noch in geschlossenen Räumen oder in Gruppen wohlfühlen, hat sie ein Viertel weniger Teilnehmerinnen. Ihre Kursgebühren hat sie etwas angehoben, in der Summe kommt trotzdem eine Einbuße heraus. "So ist es jetzt halt", sagt sie. Soforthilfe hat sie aber nicht beantragt im Gegensatz zu ihrem Mann, der auch Yogalehrer ist und einige größere Kurse nicht mehr halten konnte.

Wittnauer Autor entfielen 30 Lesungen – 9000 Euro Soforthilfe vom Staat

Dem in Wittnau lebenden Autor Karl-Heinz Ott, der sich mit einem Buch über "Hölderlins Geister" auf den 250. Geburtstag des Dichters eingestellt hatte, sind während des Lockdowns über 30 Lesungen weggebrochen, für den Herbst trudeln bereits wieder Absagen ein. Dass er im März "ohne bürokratische Komplikationen" vom Staat 9000 Euro bekommen hat, war für ihn ein Glück. Allerdings handhabe man, beklagt Ott, die Entschädigungen inzwischen anders, zum Nachteil der Autoren, die im Sommer fast nie Lesungen hätten. Als Vergleichsmaßstab würden nämlich die Einnahmen des letzten Jahres herangezogen, die in diesem Zeitraum gegen Null tendieren. Sein Verlag zahle Tantiemen immer nur Anfang des Jahres aus. Otts trockener Kommentar: "Pech gehabt".

Das Spektrum der Mitglieder der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein reicht von Crêpe-Verkäufern bis Event-Managern

Soloselbständige und Kleinstunternehmen (bis zehn Beschäftigte) machen die Masse der Unternehmen aus. Die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein rechnet 91 Prozent ihrer Mitglieder diesen Kategorien zu. Aus diesem Grund hat die Wirtschaftskammer einen Ausschuss eingerichtet, um diesen Mitgliedern eine stärkere Stimme in der IHK zu geben. Der Ausschuss ist bunt gemischt. Es gehören ihm unter anderem Gastronomen, IT-Fachkräfte, Event-Manager und Crêpe-Verkäufer an.

Nur zwei der 26 Mitglieder hätten aufgeben müssen, sagt Thomas Kaiser, der bei der IHK für Standortpolitik und Unternehmensförderung zuständig ist. Kaiser überraschte, wie schnell sich die meisten Betroffenen auf die Corona-Situation eingestellt hätten. Etwa dass IT-Firmen blitzschnell für andere Dienstleister Online-Kontakte zu Kunden ermöglichten und Schulungen angeboten hätten.

"Die hätten auch Hartz IV beantragen können. Die wollten das aber nicht. Da sprach ihr unternehmerischer Stolz dagegen." Thomas Kaiser
Ohne staatliche Förderung sähe die Lage aber düster aus: Der am 1. Oktober für die Eventbranche neu aufgelegte Fördertopf werde rege nachgefragt, sagt Kaiser. Vor allem Soloselbständige ohne Mitarbeiter seien über jeden Euro dankbar gewesen. "Die hätten auch Hartz IV beantragen können. Die wollten das aber nicht. Da sprach ihr unternehmerischer Stolz dagegen."