Zuflucht

Wie ein Schwarzwaldbauer die Angehörigen der Geschwister Scholl versteckte

Florian Kech

Von Florian Kech

Fr, 29. November 2019 um 22:00 Uhr

Südwest

BZ-Plus Nach der Hinrichtung von Sophie und Hans Scholl durch die Nazis wurde die ganze Familie tyrannisiert. Einen Unterschlupf fanden die Verfolgten auf dem Bruderhof an der Wutach. Wer waren die Retter?

"Oh, die ewige Wache. Etwas Simpleres, Geistesabtötenderes kann man sich nicht vorstellen", schreibt Franz Josef Binninger in seinen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Der Landwirt aus Ewattingen im Schwarzwald wurde 1941 eingezogen, mit 29. Sein Bruderhof bewahrte ihn vor der Front, nicht aber vor dem Wachdienst. Besonders im Gedächtnis blieb ihm eine "tiefdunkle und nasskalte Nacht" im Spätherbst 1943 bei Ulm. An seiner Seite hielt der zwei Jahre jüngere Ernst Gruele die Stellung. Während ihrer gemeinsamen Dienste hat sich zwischen dem Schwarzwälder und dem Ulmer eine enge Freundschaft entwickelt. Man redete offen miteinander, äußerte auch Kritisches über den Krieg und verließ sich darauf, vom anderen nicht verraten zu werden. Wie groß das Vertrauen war, bezeugt die hochriskante Bitte, mit der sich Gruele in jener Nacht an Binninger wandte.
"An mich erging der Ruf in dieser schweren Zeit" Franz Josef Binninger Gruele erzählte dem Kameraden von seinen Halbgeschwistern, Sophie und Hans, die an der Münchner Universität Flugblätter gegen Hitler verteilt hatten und vom Hausmeister denunziert worden waren. Im Februar hat man sie verurteilt: zum Tod durch Enthauptung. Kurz nach der Hinrichtung kam die ganze Familie Scholl in Sippenhaft. Mutter und Töchter seien zwar wieder entlassen worden, würden seither aber von Nazischergen schikaniert. Ihr Leben sei bedroht, jemand müsse ihnen helfen, sagte Gruele und sah seinen Kameraden an. "Helfen, ja helfen, aber wie?", entgegnete Binninger. In den darauffolgenden Nächten ließ Gruele nicht locker. "Du hast doch diesen abgelegenen Hof", redete er dem Kameraden ins Gewissen. Schließlich willigte Binninger ein. Viele Jahre später erinnerte sich der Landwirt an diesen einschneidenden Moment: "An mich erging der Ruf in dieser schweren Zeit. Ich wollte meinem besten Freund und Kameraden die Hilfe nicht versagen."
Tonmitschnitt: Landwirt Binninger erzählt, wie er die Scholls auf seinem Hof versteckte (1989)

Ein Hauptschullehrer arbeitete die Geschichte erstmals auf
Jahrzehntelang hat sich für die Geschichte vom Bruderhof kaum jemand interessiert. Bis ein Hauptschullehrer aus Bonndorf auf das Thema aufmerksam wurde. Siggi Duffner ist heute 83 Jahre alt. Er lebt in einem ehemaligen Bauernhof in dem winzigen Ortsteil Boll. Neben dem Eingang weiden Pferde. Das Treppenhaus ist mit Baumrinde vertäfelt. Duffner sitzt mit seiner Frau Anita im ...

Jetzt diesen Artikel lesen!

Entscheiden Sie sich zwischen kostenloser Registrierung und unbegrenztem Zugang, um sofort weiterzulesen.

Gleich können Sie weiterlesen!

Exklusive Vorteile:

  • 8 Artikel/Monat lesen - inkl. BZ-Plus-Artikel und BZ-Archiv-Artikel
  • Redaktioneller Newsletter mit den wichtigsten Nachrichten aus Südbaden
  • Qualitätsjournalismus aus Ihrer Heimat von 150 Redakteuren und 1500 freien Journalisten. Verwurzelt in der Region. Kritisch. Unabhängig.

Registrieren

kostenlos

  • 5 Artikel pro Monat lesen

  • Redaktioneller Newsletter

  • Nutzung der Kommentarfunktion

Die eingegebene E-Mail Adresse ist bereits registriert.
Hier können Sie sich anmelden
Diese E-Mail-Adresse ist bereits registriert aber nicht aktiv.
Aktivierungslink erneut zuschicken

BZ-Digital Basis

10,90 € / Monat

  • Lesen Sie alle Artikel auf badische-zeitung.de
  • Unbegrenzter Zugang zur News-App mit optionalen Push-Benachrichtigungen
  • Entdecken Sie Südbadens kulinarische Welt mit dem BZ-Straußenführer, BZ-Restaurantführer und BZ-Vesper
  • Abonnenten der gedruckten Zeitung erhalten BZ-Digital Basis zum exklusiven Vorteilspreis

Anmeldung