Steigende Fallzahlen

Wie gut wären wir auf eine zweite Corona-Welle vorbereitet?

Lennart Stock  und Joshua Kocher

Von Lennart Stock (dpa) und Joshua Kocher

Do, 06. August 2020 um 19:31 Uhr

Deutschland

Angesichts steigender Infektionszahlen wächst die Sorge vor einer zweiten Corona-Welle. Noch ist die Lage nicht mit März und April vergleichbar – doch was ist, wenn die Fallzahlen weiter steigen?

Das RKI meldete am Donnerstag die höchste Zahl bestätigter Neuinfektionen seit Mai. Im Südwesten steigt sie seit Wochen moderat. Angesichts steigender Fallzahlen, unklarer Infektionsketten und jeder Menge kleinerer Infektionsherde wächst die Sorge vor einer zweiten Corona-Welle in Deutschland. Geht es nach der Einschätzung des Ärzteverbandes Marburger Bund, ist sie sogar schon da. Noch ist die Lage nicht mit März und April vergleichbar – doch was ist, wenn die Fallzahlen weiter steigen? Ein Überblick.

Versorgung mit Schutzausrüstung
Masken und Schutzanzüge waren zu Beginn der Corona-Pandemie Mangelware. Nun sehen sich die Städte und Gemeinden besser vorbereitet. Zusammen mit Bund und Ländern sind nach Angaben des Städte- und Gemeindebundes in großem Umfang Schutzausrüstungen und Masken beschafft worden. "Auch wenn der Beschaffungsmarkt natürlich weiter angespannt ist, sind Kommunen, Krankenhäuser und Arztpraxen wesentlich besser ausgestattet", heißt es von dem Verband. Der Landkreistag rechnet ebenfalls nicht mit Engpässen. Auch in den Praxen der niedergelassenen Haus- und Fachärzte sei für den Bedarf an Schutzmaterialien vorgesorgt worden, teilt die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit.


Aktuelle Daten zum Coronavirus in Baden-Württemberg im BZ-Dashboard

Kapazität bei den Corona-Tests
Die Testkapazität für sogenannte PCR-Tests wächst in Deutschland nach Angaben der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) noch immer kontinuierlich. Die ALM-Labore führen 85 Prozent aller Corona-Tests durch. Wurden Anfang April noch 330 000 pro Woche ausgewertet, waren es vergangene Woche etwas mehr als 573 000. Möglich wären laut dem Robert-Koch-Institut fast doppelt so viele: 985 000.

Die Auslastung stieg zuletzt – wohl auch, weil vielerorts kostenlose Testangebote für Reiserückkehrer gestartet wurden. Von Samstag an gilt für Reiserückkehrer aus Risikogebieten eine Testpflicht. Rückkehrer aus Nicht-Risikogebieten können sich freiwillig kostenlos testen lassen. In vielen Bundesländern stehen Lehrern, Erziehern und Kindertagespflegern regelmäßige Tests ohne konkreten Anlass zu.



Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, verweist auf die Erfahrungen, die während der ersten Phase der Pandemie etwa beim Aufbau von Testzentren und speziellen Corona-Praxen gemacht wurden. Sie könnten jederzeit wieder aktiviert werden.

Gesundheitsämter
Die Gesundheitsämter nehmen eine zentrale Rolle bei der Verfolgung von Infektionsketten ein. Nach einer Umfrage des Deutschen Städtetages haben sie ihr Personal in der Corona-Krise deutlich aufgestockt. Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes schlägt dennoch Alarm: "Während der ersten Pandemie-Welle haben viele Gesundheitsämter ihr Personal fast verdoppelt. Doch das ist mittlerweile weitgehend wieder abgezogen worden", sagt die Vorsitzende Ute Teichert. Bei steigenden Zahlen sei wieder mehr Personal nötig, um Infektionen verfolgen zu können.

Der Landrat des Ortenaukreises, Frank Scherer, sagte kürzlich: "Wir brauchen unbedingt mehr Ärzte im Gesundheitsamt." Die Behörde sei lange Zeit unterbesetzt gewesen. Vom Freiburger Landratsamt hieß es, es habe in der Vergangenheit teilweise lange gedauert, bis eine ausgeschriebene Stelle im Gesundheitsamt besetzt werden konnte. Gerd Landsberg vom Städte- und Gemeindebund sagt, im Ernstfall brauche es zusätzliches Personal. Daher sollte nun auch eine Personalreserve aufgebaut werden, so Landsberg.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte am Donnerstag an, dass ein von der schwarz-roten Regierungskoalition geplanter "Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst" zur langfristen Stärkung der Gesundheitsämter in wenigen Wochen vorgestellt werde.

Krankenhäuser
Die Krankenhäuser haben nach Angaben der Krankenhausgesellschaft in den vergangenen Monate Erfahrungen gesammelt, die ihnen für eine mögliche zweite Infektionswelle zugute kommen. "Dies gilt für die Zusammenarbeit verschiedener Kliniken in regionalen Netzen, die Weiterbildung von Personal in der Beatmungsmedizin oder für die Ablauforganisation", sagt Hauptgeschäftsführer Georg Baum. Auch Isolierzimmer würden noch immer freigehalten. "Die Krankenhäuser sind gut auf eine mögliche zweite Welle vorbereitet", sagt Baum.

Bei den Intensivbetten, die zur Behandlung von Corona-Patienten genutzt werden können, bestehen weiterhin erhebliche Kapazitäten. Das Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin meldete zuletzt etwa 9000 freie Intensivbetten. Das entspricht einem Anteil von rund 42 Prozent gemessen an der Gesamtzahl von rund 21 300 registrierten Intensivbetten.



In den Kliniken in Baden-Württemberg, die ihre Kapazität gemeldet haben, ist etwa ein Drittel aller Intensivbetten frei. Mit Covid-19-Patienten sind derzeit nur knapp zwei Prozent aller Betten belegt.

Eine akute Überlastung für das Gesundheitssystem befürchtet auch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung derzeit nicht. Täglich berechnet das Institut vor dem Hintergrund des aktuellen Infektionsgeschehens, wie viel Zeit noch bliebe, bis die Behandlungskapazitäten überschritten würden. Aktuell beträgt diese Vorwarnzeit 73 Tage. Zwar ist eine drohende Überlastung des Gesundheitssystems damit noch weit entfernt, in den vergangenen Wochen war dieser Indikator aber leicht rückläufig.

Gefahrenbewusstsein
Sorge bereitet Experten ein nachlassendes Gefahrenbewusstsein in der Bevölkerung. Viele Menschen fühlen sich heute sicherer als noch vor einem Vierteljahr – das belegen auch Umfragen. Das Robert-Koch-Institut beklagte zuletzt Nachlässigkeit bei der Einhaltung der Verhaltensregeln. Pandemien seien eine "schleichende Krise", daher müsse das Krisenbewusstsein wachgehalten werden, auch wenn zwischenzeitlich nicht viel passiere, sagt der Direktor des Instituts für Krisenforschung in Kiel, Frank Roselieb. Menschen hielten sich weniger an Verhaltensregeln, wenn diese nicht auch nachhaltig sanktioniert würden. "Hier unterscheiden sich die AHA-Regeln einer Pandemie nicht von Verkehrsschildern, die ohne Radarkontrollen auch nicht funktionieren würden", erklärt Roselieb. Die AHA-Regel setzt auf: Abstand, Hygiene, Alltagsmasken.

Corona-Warn-App
Die Corona-Warn-App war im März noch nicht verfügbar, nun sind große Hoffnungen mit ihr verbunden. Doch der Start war holprig, verschiedene Smartphones hatten mit technischen Problemen zu kämpfen. Mit der neuesten Version sollten technische Schwierigkeiten auf dem iPhone von Apple beseitigt werden. Die App soll helfen, Infektionsketten nachzuverfolgen und zu unterbrechen. Aktuell sind weitere Versionen in Planung, etwa in Arabisch und Russisch. Bislang gibt es die am 16. Juni in Deutschland gestartete App in Deutsch, Englisch und Türkisch. Sie wurde bisher rund 16,6 Millionen Mal heruntergeladen.
Die aktuelle Liste der Corona-Risikogebiete: