Interview

Wie Karikaturist Andreas Krellmann die Lahrer Stadtgeschichte festhält

Mark Alexander

Von Mark Alexander

Mi, 30. November 2022 um 19:00 Uhr

Lahr

Seit 30 Jahren zeichnet Andreas Krellmann Karikaturen für die Badische Zeitung Lahr. Welche Themen sind heikel? Warum ist Oberbürgermeister Ibert nicht leicht zu zeichnen?

Seit 1992 zeichnet Andreas Krellmann für die Badische Zeitung Lahr. Seine Karikaturen sind ein Teil der Lahrer Stadtgeschichte geworden. In einer Sonderausstellung des Stadtmuseums werden nun einige seiner Arbeiten ausgestellt. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher? Und wie blickt der Karikaturist auf seine Heimatstadt? Mark Alexander hat bei Andreas Krellmann nachgefragt.

BZ: 30 Jahre – drei Oberbürgermeister. Wer geht Ihnen leichter von der Hand: Alt-OB Wolfgang G. Müller oder Nachfolger Markus Ibert?
Krellmann: Ganz klar Wolfgang G. Müller, den ich lange begleiten durfte. Für Karikaturen suche ich nach den markanten Zügen eines Gesichts. Bei Müller war es das Kinn, dann auch die Nase. Das Gesicht reduzierte sich auf immer weniger Striche. Und die Zeitungsleser lernten, dass damit Müller gemeint ist. Markus Ibert ist schwerer zu zeichnen. Aber er gelingt mir immer besser. So langsam ist auch er zufrieden (schmunzelt).

"Wenn es um die Kirche oder die Fasnacht geht, kann es auch mal unlustig werden."

BZ: Mit den Inhalten Ihrer Karikaturen sind sicher nicht alle Protagonisten zufrieden. Auf welche Zeichnung gab es die meisten Reaktionen?
Krellmann: Wenn es um die Kirche oder die Fasnacht geht, kann es auch mal unlustig werden. Es gab eine Karikatur mit einem Klingelbeutel in der Kirche. Das gab viele Leserbriefe – oder einen Shitstorm, wie man heute sagen würde. Das ist aber eine alte Geschichte. Umgekehrt hat sich vor einigen Jahren Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder gemeldet und eine Herrenknecht-Karikatur gekauft. Und Walter Caroli soll mindestens eine Zeichnung im Flur hängen haben.
Andreas Krellmann (52) veröffentlichte im Mai 1992 seine erste Karikatur in der BZ. Er arbeitet als freischaffender Künstler, Zeichner, Werbegrafiker und Berufsschullehrer. In Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum und der BZ zeigt er in der Tonofenfabrik 40 seiner Zeichnungen aus 30 Jahren, außerdem Skizzen, Fotografien, Grafiken und Porträts.

BZ: Die Protagonisten fühlen sich also eher geehrt?
Krellmann: Die großen Skandale in Lahr sind eben leider sehr rar (lacht).

"Man kennt und schätzt sich, kann sich auch mal einen Schienbeintritt leisten."

BZ: "Mit dem Alter wird man frecher, bissiger", haben Sie vor fünf Jahren gesagt. Müssen sich Ibert, Herrenknecht und Co. da nicht eher wärmer anziehen?
Krellmann: Wenn die Situation es hergibt, wird auch mal richtig gebissen. Aber es gibt Tabubereiche. Man darf auch nie vergessen, dass man im Lokalen nah dran ist an den Menschen. Man kennt und schätzt sich, kann sich auch mal einen Schienbeintritt leisten. Aber man sollte sich noch in die Augen schauen können.



BZ: Sie geben der Entwicklung in Lahr ein Gesicht, Ihr Porträt ist aber selten im Blatt. Wie oft werden Sie erkannt?
Krellmann: Immer öfter. Es gab vor Jahren aber auch mal eine Lahrer Persönlichkeit, die mich am Samstagmorgen erbost anrief – und mich kurz danach beim Metzger nicht erkannt hat.

"Der Strich wurde im Lauf der Jahre immer sicherer, immer klarer."

BZ: Wenn Sie für eine Zeichnung die Lahrer Stadtgrenzen verlassen dürften: Was würde Sie reizen?
Krellmann: Dinge, die ich für Unrecht halte – sei es im Iran, in der Ukraine, in Katar oder in China. Den folgenden Shitstorm müsste dann auch nicht die BZ-Lokalredaktion ausbaden (schmunzelt).

BZ: In Lahr wiederum kann Ihre Arbeit mittlerweile als Teil der Stadtgeschichte bezeichnet werden, das zeigt die Ausstellung im Museum. Sind Sie stolz?
Krellmann: Ich bin stolz auf die Wertschätzung und die Kontinuität. Ich habe mit Anfang 20 angefangen und bin der BZ dankbar für die Möglichkeit, mich weiterentwickeln zu können. Der Strich wurde im Lauf der Jahre immer sicherer, immer klarer. Die Ausstellung ist etwas ganz Besonderes. Ich darf nicht nur meine Karikaturen zeigen, sondern auch eine andere Seite, die meine Arbeit als Werbedesigner und Berufsschullehrer widerspiegelt: Fotografien, Grafiken und Porträts, verschiedene Medien und Techniken.
Die Ausstellung

Die öffentliche Vernissage ist am Sonntag, 4. Dezember, 11.30 Uhr. Zur Planung ist eine Anmeldung erwünscht per E-Mail an [email protected]. Eine exklusive Führung für BZ-Leserinnen und Leser wird am Donnerstag, 8. Dezember, 16.30 bis 17.30 Uhr, angeboten. Anmeldungen sind erforderlich und hier möglich.

BZ: Sie haben die Ausstellung selbst kuratiert. Wie viel Arbeit war das?
Krellmann: Eine immense Arbeit, es gab Nacht- und Wochenendschichten. Das erste Gespräch war vor eineinhalb Jahren. Ich habe alles rund um die Gestaltung übernommen, vom Schlüsselbild zum Flyer. Zusammen mit der BZ habe ich die Karikaturen ausgewählt.

"Man kann hier gut leben. Es gibt aber auch Entwicklungspotenzial, zum Beispiel auf dem Flugplatz."

BZ: Die Ausstellung dokumentiert 30 Jahre Stadtgeschichte. Wie hat sich Ihr Blick auf die Stadt in dieser Zeit verändert?
Krellmann: (überlegt) Einerseits wächst die Stadt, andererseits bleibt sie überschaubar. Man kann hier gut leben. Es gibt aber auch Entwicklungspotenzial, zum Beispiel auf dem Flugplatz.


BZ:
Mit einer Flugplatz-Karikatur begann einst Ihre Karriere bei der BZ.
Krellmann: Ja. Es bleibt also spannend.

"Es ist nicht nur ein Job."

BZ: Welches Bild von Lahr zeichnet Krellmann dann zum 40-Jährigen?
Krellmann: Vielleicht einen aufblühenden Flugplatz und weniger Leerstände? Oder ein Bild, das zeigt, dass Lahr Offenburg ebenbürtig ist (schmunzelt).


BZ:
Sie bleiben der BZ also erhalten?
Krellmann: Ich hoffe auf die zweite Halbzeit. Man kann ja heutzutage 100 Jahre alt werden. Es ist nicht nur ein Job, es macht unheimlich viel Spaß.

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