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Wie Langzeitarbeitslose übers Theater in einen neuen Beruf finden sollen

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Fr, 04. Oktober 2019 um 15:03 Uhr

Lörrach

Professionelle Theaterarbeit und individuelles Jobcoaching: Ein Pilotprojekt des Jobcenters Lörrach und der Projektgruppe Defakto fördert Härtefälle auf ungewöhnliche Weise.

Das Jobcenter finanziert ein künstlerisch fundiertes Arbeitsmarktprojekt, das eine ganz neue Art von Integrationsmaßnahme ist: Das Ensemble aus dem ersten Lörrach work:ART Ü-30-Projekt zeigte im Nellie Nashorn das Stück "unverdaut nachgekaut". Von der außergewöhnlichen Premiere über eine spielerische Suche nach Glück, Selbstbestimmtheit und Gemeinschaft war das Publikum begeistert. Das Pilotprojekt des Jobcenters und der Projektgruppe Defakto wird nächstes Jahr fortführt und weiterentwickelt.

Michael Rimkus erklärte der BZ, es sei das Ziel, die Teilnehmer in Arbeit oder Ausbildung zu bekommen, die zu ihnen passt. Im Jobcenter habe man jährlich zwischen 1800 und 2500 Eintritte in eine Maßnahme. Viele Kunden kennen diese aber schon alle. Mit Härtefällen, für die die Probleme komplexer werden, müsse man neue Wege gehen. "Uns war bewusst, dass die Akquise nicht einfach werden würde, weil es immer schwierig ist, freiwillig etwas zu tun", berichtete der Bereichsleiter Markt und Integration am Jobcenter Lörrach. Elf Frauen und Männer hatten den Mut, sich auf diese Reise einzulassen.

Beeindruckende Veränderungen

Seit März trafen sich die Teilnehmer montags bis freitags von 8.30 bis 15 Uhr im Nellie Nashorn. Annete Wimmer (Theaterpädagogin und Regisseurin), Marcel Menzel (Jobcoach), Juliana Koeberle (sozialpädagogische Fachkraft) und Thomas Steinke (Projektleitung) von Defakto unterstützten sie mit professioneller Theaterarbeit sowie individuellem Job- und Gesundheitscoaching. "Total beeindruckend, diese Veränderung zu erleben, diese Ermutigung, die da passiert ist", freute sich Rimkus nach der Vorstellung des von der Gruppe selbst erarbeiteten Stücks. Schließlich seien das alles Kunden, bei denen das vorher mit einer Vielzahl von Angeboten nicht gelungen war.
Gesucht werden Praktikumsplätze für die Zeit vom 7. Oktober bis 15. Dezember beziehungsweise Arbeits- und Ausbildungsplätze in folgenden Berufsfeldern: öffentliche Verwaltung, Pädagogik/Schüler- und Unterrichtsbegleitung, Logistik/Lager, Umweltschutz, Busfahrer.

Auch Steinke attestierte einen Unterschied wie Tag und Nacht. Die Frauen und Männer fanden motiviert und gestärkt wieder ins Leben und spielten sich deutlich erkennbar frei. Da brach sich eine gehörige Portion Humor und Lebensfreude Bahn. Das sei umso bemerkenswerter, wenn man die Geschichten dahinter kenne. "Die machten einem Himmelangst", blickte Steinke zurück.

Die Gruppe fand im Nellie Nashorn und – die Jüngeren – im Alten Wasserwerk ihr Domizil. In den kommenden drei Monaten, die das Projekt noch dauert, liegt intensive Arbeit vor dem Team und den Teilnehmern. Gemeinsam wird geschaut, was den Frauen und Männern noch fehlt, um sie in Praktikum und Arbeit zu bringen. So schnell wie möglich soll etwas gefunden werden. Dabei geht Defakto auch von selbst auf Firmen zu.