Karrieren

Wie Marco Cocuzza Tesla verlies und zum Lern-App-Entwickler wurde

Michael Krug

Von Michael Krug

Mi, 18. Mai 2022 um 16:00 Uhr

Laufenburg

Der Laufenburger Marco Cocuzza hat in der Schweiz bereits eine erstaunliche berufliche Laufbahn hingelegt. Derzeit mischt er den Markt für Lern-Apps auf.

Sieben Jahre für den E-Autobauer Tesla in der Schweiz, dann der Schnitt – der Laufenburger Marco Cocuzza hat vor neun Monaten einen Job hingeschmissen, um den ihn sicher viele beneiden. Seitdem hat er seinem Vorbild Elon Musk nachgeeifert, ist selbst Unternehmer geworden und hat eine Lern-App entwickelt, die inzwischen auch deutsche Schulbuchverlage überzeugt hat.

Der 33-jährige Marco Cocuzza hat zum Schluss seiner sieben Jahre dauernden Anstellung beim amerikanischen E-Autobauer geschafft, was vielen als ein Traum vorkommen muss: "Ich habe den Chef von Tesla, Elon Musk, zwar nie persönlich getroffen, aber zum Schluss meiner Zeit bei Tesla musste ich einmal im Quartal über die Entwicklungen von Tesla auf dem Schweizer Markt Bericht erstatten", erzählt Cocuzza. Seit 2014 war er bei dem Unternehmen in Zürich tätig, zuletzt in einer Führungsposition. Nach der Rudolf-Eberle-Schule war der Energiedienst in Rheinfelden seine erste Station, "damals kam ich mit dem Feld der Elektromobilität in Berührung", erinnert sich der Laufenburger.

Trotz Führungsposition von Tesla weggegangen

Und doch hat er den Job aufgegeben. Technologisch sei er schon immer interessiert gewesen, erzählt Cocuzza. Dazu kommt sein Interesse an künstlicher Intelligenz. In der Schweiz lernt er Andrin Pelican kennen. Parallel zu seiner Zeit bei Tesla entwickeln die beiden eine Lern-App. "Ich war während der Pandemie teilweise in meiner italienischen Heimat und habe da mitbekommen, wie die traditionelle Art des Unterrichtens durch das Homeschooling herausgefordert wurde." In unzähligen Stunden Entwicklung entsteht eine App, die Kindern bei der Korrektur ihrer Hausaufgaben helfen wird und somit Lehrern stundenlange Korrekturarbeiten abnimmt.

Und das funktioniert so: Die Kinder füllen zum Beispiel ein Arbeitsblatt aus, auf dem ein Lückentext ausgefüllt werden muss. Ist das erledigt, wählen sie sich mittels eines QR-Codes auf dem Arbeitsblatt in die Lern-App "Herby" ein.

Dann machen sie mit ihrem Handy oder dem Laptop ein Bild ihres Blattes. Die App zeigt in Sekundenschnelle mittels grünem oder rot unterlegtem Feld, welche der Lösungen richtig oder falsch sind. "Dann radieren die Kinder die falschen Lösungen aus und setzen eine andere ein", erklärt Marco Cocuzza. Im Anschluss daran fotografieren sie ihr Blatt ein zweites Mal. Ist immer noch etwas falsch, gibt die App Lösungshinweise. Ein drittes Foto bringt dann alle Lösungen.

Lehrer haben mehr Zeit für individuelle Betreuung

Der Lehrer bekommt die Fotos auf ein Dashboard und kann so individuell verfolgen, wo es klemmt. Für ihn entfällt Korrekturzeit, die er zur individuellen Förderung nutzen kann, ist Cocuzza überzeugt. Die App könne sowohl daheim als auch im Unterricht angewendet werden. Großes Potenzial sieht er auch bei Schülern mit Migrationshintergrund. "Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Meine Eltern konnten mir damals bei meinen Schulaufgaben nicht helfen wegen der Sprachschwierigkeiten", erinnert sich der Unternehmer. Ergebnis war teurer Nachhilfeunterricht, den sich die Familie eigentlich nicht leisten konnte.

Versteht er die Bedenken, wenn Eltern Sorge haben, dass ihre Kinder auch bei den Hausaufgaben ins Netz müssen? "Absolut", sagt Cocuzza, "aber wir halten die wenigen Minuten für ein gesundes Maß." Seine App soll nur kurz genutzt werden, "wir unterstützen weiter die traditionelle Nutzung von Stift und Papier". Die Lern-App "Herby" sieht er als Schnittstelle zwischen traditionellem Unterricht und der Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz.

Lern-App trägt den Name eines Lehrers

Eine Vision der beiden Unternehmer ist es, mithilfe von "Herby" eine Art Frühwarnsystem zu entwickeln für Lernschwächen wie Legasthenie oder Rechenschwäche. Mitbegründer Andrin Pelican hatte viele Jahre Probleme mit der Rechtschreibung. Erst ein Lehrer namens Herbert erkannte das Problem und half ihm. Als Hommage an diesen Lehrer trägt die App seinen Namen.

Mit dem Schulverband Schams im Kanton Graubünden wurden die ersten Schritte in der Praxis unternommen. Ein Lehrer von dort ist auch mit im Unternehmen und quasi Übersetzer der pädagogischen Bedürfnisse, die in die App eingearbeitet werden. Inzwischen hat die App auch in Brasilien fußgefasst. Dort werde, ähnlich wie bei uns durch Pisa, der Leistungsstand der Kinder erhoben. "Mit Herby reduzieren sich die Korrekturzeiten deutlich", sagt Cocuzza. Mittlerweile haben auch drei deutsche Schulbuchverlage Interesse an der App bekundet. Und eine weitere Angst kann Cocuzza etwaigen Nutzern auch nehmen: Es werden keine Daten gesammelt.

Hat Cocuzza seinen Schritt, Tesla zu verlassen, schon bereut? In einem seiner im Netz zu findenden Interviews sagt er, dass er ein risikofreudiger Mensch sei und gern die Komfortzone verlasse. "Inzwischen freue ich mich Quartal für Quartal über unsere Entwicklung", sagt der 33-Jährige. Und wie man einen neuen Markt total aufmischt, hat der Laufenburger bei Tesla ja aus erster Hand erfahren.