Soziale Gerechtigkeit

Wie Mentoring benachteiligten Jugendlichen hilft, ihr Potential zu entfalten

Thomas Magenheim-Hörmann

Von Thomas Magenheim-Hörmann

Do, 04. März 2021 um 12:00 Uhr

Wirtschaft

Wenn Teenager aus benachteiligten Verhältnissen von Studierenden betreut werden, steigen die Chancen auf Job und Einkommen gewaltig. Selbst Acht- und Neuntklässler profitieren noch immens.

Wenn Jugendliche in benachteiligten Verhältnissen aufwachsen, mindert das ihre Chancen auf einen guten Job und ein ordentliches Einkommen stark. Auch Acht- und Neuntklässler können das Ruder aber noch herumreißen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Münchner Ifo-Instituts.

US-Nobelpreisträger James Heckman hat es den Unfall der Geburt genannt. Wenn Kinder und Jugendliche in stark benachteiligten Verhältnissen aufwachsen, leiden Sozialkompetenz, Bildung und Lebensperspektive. Die Folgen sind speziell auch in Deutschland langwierig. So hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) berechnet, dass es hierzulande sechs Generationen dauert, bis Nachkommen einkommensschwacher Familien das deutsche Durchschnittseinkommen erreichen. Könnte diese systematische Benachteiligung abgebaut werden, wäre das eine Brücke über den Graben sozialer Ungleichheit hinweg.

Umso bemerkenswerter ist, was das Münchner Ifo-Institut in einer Studie nachgewiesen hat. Auch bei Jugendlichen im Teenageralter können Defizite gegenüber besser gestellten Altersgenossen noch aufgeholt werden. "Das ist sensationell", findet Elisabeth Hahnke. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin des Mentoring-Programms Rock Your Life, das von Ifo auf Wirksamkeit geprüft wurde. Die Arbeitsmarktchancen von Acht-und Neuntklässlern auf Brennpunktschulen verbessern sich deutlich, wenn allen ein Mentor zur Seite gestellt wird, lautet das Kernergebnis. "Für diese Jugendlichen übersteigen die zu erwartenden Einkommenseffekte die Kosten des Mentoring-Programms um ein Vielfaches", betont Ludger Wößmann. Er leitet das Ifo-Zentrum für Bildungsökonomik und verantwortet die Studie.

Geringe Kosten, hoher Nutzen

Für Jugendliche aus stark benachteiligten Verhältnissen hat Ifo ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von 31 zu 1 berechnet. Die Relation ist einerseits so krass, weil Rock Your Life von ehrenamtlichen Mentoren getragen wird, die wenig kosten und auf der anderen Seite bessere Jobchancen erhebliches Einkommenspotential bedeuten. "Die Kosten liegen in der Regel jedes Jahr zwischen 1500 und 2000 Euro", sagt Hahnke. Der von Ifo attestierte Erfolg freut sie. Zurückzuführen sei er vor allem auch darauf, dass die Mentoren aus Studenten rekrutiert werden, die vom Alter her nicht so weit von den in der Regel 13- bis 15-jährigen Teenagern entfernt sind, die sie zwei Jahre lang bis hinein in die Freizeit betreuen.

"Diese Studie zeigt, dass potentialorientiertes Mentoring noch recht spät in der Bildungsbiografie eine Lücke schließen kann, die sich unverschuldet aufgetan hat", Elisabeth Hahnke

Diese Altersspanne ist das Überraschende an der Ifo-Studie. Denn dass Mentoring bei Sieben- bis Neunjährigen wirkt, haben andere Studien schon bestätigt. "Diese Studie zeigt, dass potentialorientiertes Mentoring noch recht spät in der Bildungsbiografie eine Lücke schließen kann, die sich unverschuldet aufgetan hat", sagt Hahnke. Auch Wößmann weiß, dass Teenager in der untersuchten Altersgruppe vielfach als hoffnungslose Fälle angesehen werden. Jetzt habe man das Gegenteil bewiesen, was wegen der Pandemie zusätzliche Brisanz erfahre.

Corona hat die Situation benachteiligter Kinder verschlimmert

"Alles deutet darauf hin, dass sich die Situation vernachlässigter Jugendlicher durch Corona noch verschlimmert hat, weil bei ihnen im Homeschooling besonders wenig passiert", warnt der Ifo-Forscher. Rock Your Life dagegen fängt das Gröbste auf. Obwohl es kein Nachhilfeprogramm ist, habe sich die Note in Mathematik nach einem Jahr bei besonders stark benachteiligten Jugendlichen im Schnitt um fast eine halbe Notenstufe verbessert, sagt Ifo-Experte Sven Resnjanskij. Sozialkompetenz und Geduld hätten sich ähnlich positiv entwickelt. Gegenüber einer Kontrollgruppe ohne Mentoring ist der Prozentsatz derer, die am Ende wussten, was sie einmal werden wollen, von deutlich unter der Hälfte auf zwei Drittel gestiegen. "Das sind extrem positive Werte", sagt Wößmann. "Wir haben eine sehr hohe Aussagekraft erreicht", versichert Resnjanskij.

308 Jugendliche in 19 Schulen und zehn Städten hat Ifo je ein Jahr lang begleitet. Gut die Hälfte hatte Migrationshintergrund, ein Viertel alleinerziehende Elternteile. Über vier Jahre hat sich die gesamte Studie erstreckt. Die Faktoren Mathenote, Sozialkompetenz und Arbeitsmarktorientierung sind besonders entscheidend, wenn es um erfolgreiche Ausbildung und Jobchancen geht, belegen andere Studien. "Insgesamt werden die Defizite zu besseren Schülern komplett geschlossen", bilanziert Wößmann. Bei weniger benachteiligten Jugendlichen, die ebenfalls in den Mentoring-Gruppen zu finden waren, sind dagegen keine signifikanten Fortschritte beobachtet worden.

Seit 2010 gibt es das Mentoringprogramm auch in Freiburg

"Die bestätigte Wirksamkeit nimmt uns alle in die Verantwortung", findet Hahnke. Die Politik müsse Initiativen wie Rock Your Life nachhaltig und großflächig fördern. Mit überschaubarem Aufwand könne viel erreicht werden, sagt die Frau aus eigener Erfahrung. Sie war anfangs als Studentin selbst Mentorin. Heute leistet ihre Organisation pro Jahr rund 200 000 ehrenamtliche Stunden. Gut 8500 Teenager aus stark benachteiligten Verhältnissen wurde seit 2008 geholfen. Rock Your Life ist in 39 Städten vertreten, seit 2010 auch in Freiburg. Sie ist damit eine der größten Organisationen ihrer Art in Deutschland. "Es hat sich gezeigt, dass es hilft, wenn jemand da ist, der an einen glaubt", sagt Hahnke. Entscheidend sei die Beziehungsqualität, wobei Studierende und Jugendliche eine perfekte Konstellation bildeten.

"Mit Studenten als Mentoren werden extrem gute Ergebnisse erzielt, wogegen vieles andere nicht funktioniert", Ludger Wößmann

Mentoren werden dabei vorab geschult in speziellen Fähigkeiten wie aktivem Zuhören. Auch Unternehmenspartner gehören zum Konzept. "Mit Studenten als Mentoren werden extrem gute Ergebnisse erzielt, wogegen vieles andere nicht funktioniert", betont Wößmann speziell für die untersuchte Altersgruppe. Entsprechend groß ist die Nachfrage unter Jugendlichen. "Wir haben eine sehr hohe Interessentenquote, teilweise bis zu 100 Prozent in einer Klasse", verrät Hahnke. "Herkunft darf nicht über Zukunft entscheiden", wirbt sie.

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