Rücktrittsforderungen

Wie reagiert Fritz Keller auf das Misstrauensvotum beim DFB?

Frank Hellmann, BZ und dpa, aktualisiert um 19.45 Uhr

Von Frank Hellmann, BZ-Redaktion, dpa & aktualisiert um 19.45 Uhr

Mo, 03. Mai 2021 um 18:27 Uhr

Fussball

Nachdem die Chefs der Landes- und Regionalverbände dem DFB-Präsidenten das Vertrauen entzogen haben, ist die Zukunft des Verbands ungewiss. Und alle warten auf die Worte von Fritz Keller.

Akkurat hängt das Sakko über dem Stuhl, vor ihm stehen Brötchen, Kaffee, Joghurt und ein Ei. Dieses Bild vom allein am Tisch frühstückenden Fritz Keller entstand am Wochenende in einem Hotel in Potsdam am Templiner See. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) blickte irgendwie ins Leere. Ein Schnappschuss – womöglich auf der Zielgerade seiner Amtszeit.

Am 27. September 2019 hatten ihm auf dem DFB-Bundestag 257 Delegierte nach einstimmigem Votum noch aufmunternden Applaus gespendet. Davon ist 584 Tage später nichts übriggeblieben. Seit dem Wochenende hängt ein historisches Misstrauensvotum über dem 13. Präsidenten der DFB-Historie. Die Chefs der Regional- und Landesverbände fordern den Rücktritt: mit 26 Ja-Stimmen für die Abberufung, neun Nein-Stimmen, zwei Enthaltungen.

"Ich stehe für Gespräche zu konstruktiven Lösungen für den DFB jederzeit zur Verfügung, dies umfasst selbstverständlich auch meine Funktion." DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius
Der 64-Jährige muss für sich ausloten, wie lange er das Kreuzfeuer der Kritik noch aushält. Auch wenn sein Intimfeind, Generalsekretär Friedrich Curtius, ebenfalls seines Amtes enthoben werden soll, Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge bei je 13 Gegenstimmen nicht unerheblich beschädigt sind. Curtius hat sich inzwischen in einer DFB-Mitteilung wie folgt geäußert: "Ich respektiere das Votum der Konferenz der Regional- und Landesverbände und nehme dieses sehr ernst. Ich stehe für Gespräche zu konstruktiven Lösungen für den DFB jederzeit zur Verfügung, dies umfasst selbstverständlich auch meine Funktion."

Muss letztlich der DFB-Vorstand entscheiden?

Doch erstmal blickt alles auf Keller. Trifft er keine Entscheidung, muss der DFB-Vorstand entscheiden, die Zerreißprobe würde in ein noch größeres Gremium verlagert. Es könnte auf eine Kampfabstimmung mit etlichen Verlierern hinauslaufen. Dass erst ein außerordentlicher Bundestag die Machtfrage entscheidet, soll eigentlich verhindert werden. Beugt sich der preisgekrönte Winzer dem öffentlichen Druck, würden zuerst die beiden DFB-Vizepräsidenten übernehmen: also ein drittes Mal Strippenzieher Koch und Peter Peters als Stellvertretender Sprecher des Präsidiums der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Keller wäre nach Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel der dritte DFB-Boss, der nach einer Schlammschlacht scheidet.

Alle Skeptiker könnten sich bestätigt fühlen, dass sich der ehemalige Präsident des SC Freiburg an dieser Herausforderung verheben musste. Um die Klammer zu bilden, fehlte es ihm an Gespür für die internen Strömungen. Amateure und Profis lagen bereits bei seinem Amtsantritt im Clinch, die Frauen fühlten sich als fünftes Rad am Wagen, den oft wie ein Gutsherr führenden Grindel mit seinen Zuständigkeiten in Uefa und Fifa konnten viele Verbandsangestellte nicht mehr gut leiden: Diese Gräben sollte Keller schließen. Dass er ausgerechnet seinen Gegenspieler Koch mit einem der schlimmsten Nazi-Richter verglich, machte ihn für viele untragbar. Seine cholerische Ader war durchaus bekannt, aber für diese Entgleisung fehlen weiterhin die Erklärungen. In der Sache soll es um Kellers entlassenen Büroleiter Samy Hamama gegangen sein, dessen Interessen der Präsident nicht gerecht vertreten sah.

Zwischenmenschliches steht vor Sachlichkeit

Die DFB-Ethikkommission hat über den Nazi-Vergleich Kellers beraten und das Resultat dem DFB-Sportgericht zu einer Entscheidung vorgelegt. Dies teilte der DFB am Montagabend mit. Bei einem weiteren Verfahren rund um den DFB-Chef und dessen Büroleiter wurde ebenfalls beraten, hier plädiert die vierköpfige Kommission auf Zustimmung zur Einstellung des Verfahrens. Auch zwei Anträge gegen Curtius beriet die Kommission. Es handelt sich dabei zum einen um die Umstände im Zusammenhang mit der fristlosen Kündigung von Kellers Bürochef und zum anderen um die Weitergabe eines Schreibens von Keller an den Medienberater Kurt Diekmann. Auch diese Ergebnisse wurden dem Sportgericht vorgelegt, von einer Einstellung war hier nicht die Rede.

Auch Thomas Schmidt, Präsident des Südbadischen Fußball-Verbandes, bezog gegenüber der BZ nochmal explizit Stellung zu Kellers Fauxpas: "Unsere Haltung als Verband ist klar, war unvermeidbar und bei der bleiben wir auch: Die Aussage und die Wortwahl von DFB-Präsident Fritz Keller in Richtung Vizepräsident Rainer Koch sind völlig inakzeptabel", so Schmidt nach der Sitzung in Potsdam.

SBFV-Präsident Schmidt bezieht Stellung

In Schmidts Augen sei es kein Machtkampf, die Unstimmigkeiten seien vielmehr ein Schwelbrand, der sich nun zu einem Großbrand entwickelt habe. Zwischenmenschliche Dinge hätten dafür gesorgt, dass ein geordneter Ablauf von Sachthemen und Tagesgeschäft nicht mehr möglich sei. Zu seinem Abstimmungsverhalten möchte sich Schmidt nicht äußern: "Es war eine geheime Abstimmung und bleibt daher geheim", erklärt er. Es sei aber ein Unterschied, ob er zu einem Sachthema abstimme oder Persönliches mit reininterpretiere. "Eine geheime Abstimmung ist natürlich auch immer wieder etwas Persönliches." Ob Keller nun tatsächlich von seinem Amt zurücktrete, darüber möchte Schmidt nicht spekulieren. "Um es in der Fußballersprache zu sagen: Keller hat sich als Mittelfeldspieler aufgestellt, um das Spiel zu organisieren. Durch den ein oder anderen Angriff fühlte er sich in die Defensive gedrängt, ging dann in den Sturm und steht nun im Abseits. Es liegt nun an ihm, ob das Spiel weitergeführt wird."

Noch zögert Keller, die Nachfolgedebatte läuft aber bereits. Karl-Heinz Rummenigge und Philipp Lahm werden ins Spiel gebracht, auch die Politik mischt sich ein und fordert einen Neuanfang ohne DFB-Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge. Es werde Zeit, "dass der größte Fußball-Verband der Welt von jemandem angeführt wird, der aus dem Fußball kommt. Und darum lautet mein großer Wunsch, dass Karl-Heinz Rummenigge oder Rudi Völler auf Keller folgen", so Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus. Der scheidende Bayern-Vorstandschef Rummenigge hatte allerdings in der Vergangenheit ausgeschlossen, für einen DFB-Job zur Verfügung zu stehen. Lahm hingegen wäre als EM-Organisationschef und DFB-Ehrenspielführer für diese Aufgabe denkbar.

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