BZ-Podiumsdiskussion in Waldkirch

Wie verändert künstliche Intelligenz Wirtschaft und Gesellschaft?

Bernd Kramer

Von Bernd Kramer

Mi, 17. Juli 2019 um 19:40 Uhr

Wirtschaft

Bildung ist die beste Antwort: Vor zu viel Skepsis gegenüber dem technischen Fortschritt warnen Experten bei der BZ-Hautnah-Diskussion zur künstlichen Intelligenz in Waldkirch.

Katzen schmusen, fauchen und jagen Mäuse. Sie haben unterschiedliche Farben. Der Mensch kann das Tier in seinen unterschiedlichen Facetten stets als Katze erkennen. Doch die Maschine? Höhere Rechnerkapazitäten, Erkenntnisse aus der Videospielentwicklung und ein seit Jahrzehnten bekanntes mathematisches Verfahren erlauben es heute auch Kollege Computer, die launischen Wesen ihrer Art zuzuordnen.

Die Rede ist von "Deep learning" – tiefgehendem oder maschinellem Lernen. Das System wird dabei mit Katzenbildern gespeist. Ein Mensch gibt die Information: "Das ist eine Katze." Ein selbstlernender Algorithmus sorgt dann dafür, dass der Rechner trotz ihrer Unterschiedlichkeit als Katzen wahrnimmt, die er nie zuvor "zu Gesicht" bekam.

"Deep learning steht im Mittelpunkt der Debatte um die künstliche Intelligenz" (KI), sagt Thomas Brox, Professor für Mustererkennung und Bildverarbeitung an der Uni Freiburg. Wobei KI noch mehr umfasst: Spracherkennung oder Systeme, die dem Bankberater beispielsweise aufgrund einer riesigen Datenbasis sagen, ob jemand einen Kredit bekommen soll oder nicht.

All dies kann viel bewirken. Experten befürchten einen Bedeutungsverlust der Radiologen. Mit Bildern von Computertomographen gefütterte KI-Systeme liefern präzisere Krankheitsdiagnosen als jahrelang geschulte Mediziner. Der Beruf des Qualitätskontrolleurs könnte aussterben, weil Rechner samt Sensoren zuverlässiger Mängel an Waren feststellt. Ganz zu schweigen vom autonomen Fahren, das ohne KI gar nicht denkbar ist, weil der Rechner mit den unterschiedlichsten Situationen im Straßenverkehr zurechtkommen muss.

Keine guten Chancen für KI-Einsatz bei der Personalauswahl

Doch gemach. Wie bei der Hautnah-Podiumsdiskussion des Sensorbauers Sick, des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen Baden (WVIB) und der BZ unter Moderation von WVIB-Hauptgeschäftsführer Christoph Münzer und BZ-Chefredakteur Thomas Fricker deutlich wurde, ist noch nicht klar, wie KI die Welt genau verändern wird. Professor Tim Krieger, Ökonom an der Uni Freiburg, sagt, dass viele Unternehmen erst beginnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Digitalisierungsexpertin Vanessa Barth von der IG Metall weist daraufhin, das KI zwar auf Basis der Daten unzähliger Internetnutzer darüber entscheidet, welche Werbung man im Netz zu sehen bekommt; ihr Einsatz bei der Personalauswahl aber oft daran scheitert, dass es im Unternehmen noch keine systematische Personalentwicklung gibt – also keine Daten vorhanden sind, die das System als Entscheidungsgrundlage nutzen kann.

"Von den Vorhersagen in den 70er-Jahren für die heutige Zeit sind sehr wenige eingetroffen." Thomas Brox

Thomas Brox warnt davor, langfristigen Prognosen zu viel Vertrauen zu schenken: "Von den Vorhersagen in den 70er-Jahren für die heutige Zeit sind sehr wenige eingetroffen." Brox spielt damit auf jene Studien an, in denen ein massiver Jobabbau wegen der KI befürchtet wird.

Einig sind sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass die Vermittlung von Wissen der beste Weg ist, um mögliche Veränderungen durch die KI zu bewältigen. Tim Krieger fordert mehr Engagement der Unternehmen bei der Weiterbildung ihrer Belegschaft. Vanessa Barth ist es wichtig, dass dabei die Arbeitnehmer nicht unter die Räder kommen – die Arbeitsbedingungen sich verbessern statt sich zu verschlechtern. Sick-Vorstandschef Robert Bauer und Thomas Brox wünschen sich einen höheren Stellenwert der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer. "Etliche Studienplätze für Ingenieure bleiben unbesetzt", sagt der promovierte Elektrotechniker Bauer.

Für ihn ist entscheidend, ob eine Gesellschaft bereit ist, den technischen Fortschritt anzunehmen. "Die KI wird kommen, ob wir wollen oder nicht. Wenn sie hierzulande nicht eingesetzt wird, dann woanders mit den entsprechenden Wettbewerbsvorteilen." KI biete schon heute große Möglichkeiten. Mit ihrer Hilfe ließen sich heute zum Beispiel chinesische und japanische Texte leichter übersetzen. Dies vereinfache den Umgang mit den Handelspartnern in Fernost.

Die Dominanz von US-Konzernen wie Google im Netz sollte die Deutschen nicht einschüchtern, sagt Tim Krieger. Für die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik sei es maßgeblich, die KI dort einzusetzen, wo man traditionell über Stärken verfüge wie im Maschinenbau. Im Gegensatz zu den Amerikanern hätten deutsche Firmen hier Vorteile. Sie rüsteten die Fabriken in aller Welt aus und verfügten damit über einen riesigen Datenschatz, den es zu heben gelte.