Schüler allein zuhause

Protokolle: Stephanie Streif

Von Protokolle: Stephanie Streif

Di, 28. Juli 2020

Südwest

Videokonferenzen, Erklärfilmchen und Wochenpläne: Kinder und Jugendliche berichten, wie das Coronavirus ihren Schulalltag verändert hat.

Monatelang war an den Schulen nichts mehr wie zuvor: Erst waren sie geschlossen und die Schüler mussten sich zuhause über Wochen alleine beschulen. Dann wurden sie wieder geöffnet, allerdings nur vorsichtig, und die Kinder in kleinen Gruppen und im Schichtbetrieb unterrichtet. Fünf Kinder und Jugendliche erzählen, wie sie die Monate seit der Schulschließung im März erlebt haben.

Online-Unterricht ist ziemlich unpersönlich

Tiziana, 10. Klasse,
Gemeinschaftsschule, Lörrach:

Da ich bis zu meiner Prüfung letzte Woche in eine Abschlussklasse gegangen bin, hatte ich nicht so lange Homeschooling wie viele andere Schüler – nur bis Anfang Mai. Das ging ganz gut: Ein Mitschüler hat für uns auf der Plattform Discord eine Seite eingerichtet, über die unsere Lehrer uns per Video online unterrichtet haben. Der Unterricht konzentrierte sich auf die Prüfungsfächer Mathe, Deutsch und Englisch. In den Nebenfächern gab es nur freiwillige Aufgaben. Als die Schule dann wieder losging, wurden wir auch nur in unseren Prüfungsfächern unterrichtet, jeweils die halbe Klasse fünf Stunden pro Fach in der Woche.

Was mir am Homeschooling gefallen hat, war, dass man eine eigene Struktur fürs Lernen entwickeln konnte. Man konnte sich den Tagesablauf selbst einteilen, konnte auch mal ausschlafen und später durchstarten. Das hat gut geklappt. Unsere Lehrer haben sich echt Mühe gegeben und uns ihre E-Mail-Adressen und Telefonnummern gegeben, damit wir sie immer gut erreichen konnten. Unsere Klassenlehrerin hat uns auch angerufen, um zu sehen, wie es bei uns so läuft und um uns bei Problemen zu beraten.

Nicht so schön fand ich, dass der Online-Unterricht so unpersönlich ist. Ich finde, man hat sich online nicht so wohl dabei gefühlt, Fragen zu stellen, wie in der Schule. Die Lehrer können in der Schule vieles auch besser erklären.

Teilweise war man zuhause schon sehr allein. Das ganze Leben hat sich praktisch im eigenen Zimmer abgespielt. Manchmal habe ich mich durch die ganze Situation etwas überfordert gefühlt. Zum Glück konnte ich mit Freunden über Videochat quatschen, das hat geholfen.

Nach den Sommerferien werde ich ein Gymnasium besuchen, wo ich Abitur machen will. Ich hoffe, dass der Schulbetrieb dann wieder normal läuft, denn ich finde es gerade in einer neuen Schule extrem wichtig, dass man Lehrer und Mitschüler persönlich kennenlernt.

Erst die Aufgaben, dann das Spielen

Georg, 4. Klasse,
Grundschule, Freiburg:

Zuhause zu lernen hatte schon Vorteile: Man musste nicht alle Aufgaben immer am Stück machen. Und war man fertig, konnte man gleich was anderes tun, und musste nicht auf die anderen warten. Ich habe die Aufgaben meist morgens gemacht, damit ich danach spielen konnte. Das ging gut und hat meist so zwei Stunden gedauert. Mein Papa hat immer gefragt: "Was? Schon fertig?" Denn meine ältere Schwester hat viel länger gebraucht, weil sie ja mehr aufhatte.

Die Aufgaben haben wir über das Programm Padlet bekommen. Da hat unsere Lehrerin sie reingestellt und wir mussten sie ausdrucken. Wir haben immer einen Wochenplan bekommen, weil wir auch in der Schule mit Wochenplänen arbeiten. Wenn man wollte, konnte man den Lehrern auch was zum Korrigieren schicken.

Zuhause war es schon oft langweilig. Meine zwei Schwestern und ich haben deshalb Aufgaben von unseren Eltern bekommen: Meine große Schwester und ich haben zum Beispiel abwechselnd jeder eine Woche gekocht. Dabei mussten unsere Eltern nur manchmal etwas helfen. Es gab zum Beispiel Nudelauflauf, Pizza oder Cordon bleu. Außerdem habe ich die Abstellkammertür neu gestrichen.

Mit zwei von meinen Freunden habe ich jeden Tag über Facetime telefoniert – also zu dritt. Wenn man dann aber alles Neue erzählt hatte, war das irgendwann auch langweilig. Richtig spielen ist besser.

Ab 4. Mai hatten wir wieder jede zweite Woche Schule, drei Stunden am Tag. In der Zeit war die Klasse halbiert. Als die Schule wieder richtig losging, mit der ganzen Klasse, waren wir in einem größeren Klassenraum, wo man die Tische besser auseinanderstellen konnte. Wir hatten dann auch wieder fünf Stunden. Die drei Stunden vorher fand ich aber besser. Nächstes Schuljahr gehe ich aufs Gymnasium, da freue ich mich drauf. Es wäre schön, wenn es in der neuen Schule dann normal losgehen kann.

Ausschlafen und Lernzeit frei einteilen

Laetitia, 11. Klasse,
Gymnasium, Bad Krozingen

Wenn ich die vergangenen Wochen in wenigen Wörtern beschreiben müsste, dann mit Auf und Ab. Das Ab kam unmittelbar nach der Schulschließung, als das Leben eingeschränkt wurde und von allen Seiten plötzlich ganz viele Informationen und Aufgaben eingingen. Einige Wochen später kam das Auf. Plötzlich konnte ich der Situation viel Positives abgewinnen, etwa dass ich morgens ausschlafen oder mir die Lernzeit frei einteilen konnte. Anfang Mai wurden die Schulen für die Abschlussklassen, also auch für mich, wieder geöffnet. Anfangs hatten wir nur die Leistungskurse, was cool war, weil wir uns nur mit den Fächern beschäftigt haben, die uns Spaß machen.

Beim Homeschooling gab es Lehrer, die fast nichts gemacht haben. Und es gab Lehrer, die haben sehr viel auf unserer Lernplattform eingestellt, auch mehr als wir im Unterricht jemals geschafft hätten. Ich hätte mir gewünscht, dass diese Lehrer mehr auf uns eingegangen wären und etwa berücksichtigt hätten, dass ein Basiskurs nicht so wichtig ist wie ein Leistungskurs. Ich habe diese Lehrer auch angeschrieben. Auch hier fielen die Reaktionen ganz unterschiedlich aus. Ein Teil zeigte sich kooperativ, der andere Teil nicht, die wollten unbedingt ihren Stoff durchbekommen. Das wiederum hat den Druck auf uns erhöht.

Wir hatten auch Videokonferenzen, allerdings erst später. Mir, aber mit dieser Meinung stehe ich ziemlich alleine da, haben diese Konferenzen Spaß gemacht – jetzt weniger wegen der Inhalte, sondern weil man wieder Kontakt zu seinen Mitschülern hatte. Große Sorgen, dass mein Abitur wegen Corona schlecht ausfallen könnte, habe ich nicht. Etwas besorgt war ich in meinem Deutschleistungskurs. In der Homeschooling-Phase sollten wir uns eine Lektüre, die wir für die Prüfungen im nächsten Jahr brauchen, selbst erarbeiten. In Deutsch kommt es viel auf Interpretationen an. Und die Gedanken der anderen bringen einen häufig weiter. Dieser Austausch hat mir extrem gefehlt und ja, da kamen schon Zweifel in mir hoch, ob ich das Thema auch intensiv genug bearbeitet hatte. Das hat sich aber wieder gelegt. Auch weil wir erfahren haben, dass das vereinfachte Prüfungsverfahren auch im nächsten Jahr beibehalten wird.

Abiklausuren auch in den nächsten Jahren nicht aushäusig korrigiert werden.

Anstrengend, sich selbst zu organisieren

Sophie, 7. Klasse,
Gymnasium, Freiburg

Ich fand es anstrengend, alleine zuhause zu lernen, sich ständig selbst motivieren zu müssen. Da war auch niemand, den man fragen konnte, wenn man etwas nicht verstanden hat. Die meisten Lehrer haben uns Aufgaben geschickt. Am Anfang ging das noch etwas durcheinander, manche Lehrer haben die PDFs gemailt, andere haben sie auf die Lernplattform Moodle gestellt. Ich habe versucht, mir die Arbeit gut aufzuteilen. In manchen Fächern hatten wir einen Wochenplan, in anderen Fächern hatten wir einen Plan für zwei Wochen. Wir mussten uns selbst organisieren, was wir wann bearbeiten. Das hat zwar geklappt, aber ein Wochenplan für alle Fächer wäre besser gewesen.

Was es in der Homeschooling-Phase zu wenig gab, waren Videokonferenzen. Die hätten mir geholfen. Mein Klassen- und Mathelehrer hat auch einmal bei mir angerufen und gefragt, wie ich mit den Aufgaben klar komme. Das war gut. Am Telefon kann man direkt reden und muss nicht, wie beim Mailen, lange auf die Antwort warten. Seit Ende der Pfingstferien hatte ich zwei Wochen Unterricht. An den Tagen, an denen ich in der Schule war, hatte ich nicht sechs, sondern vier Stunden.

Schule macht das Lernen leichter. Jetzt gibt es wieder einen Lehrer, der sagt, was man tun soll. Und wenn man etwas nicht versteht, dann meldet man sich und fragt nach. Nicht alle Aufgaben, die wir zuhause erledigen sollten, wurden gleich korrigiert. Einige Aufgaben wurden erst eingesammelt, als wir wieder in der Schule waren. Ein Teil des Stoffs wurde jetzt wiederholt. Die meisten Sachen, die mir zuhause noch unklar waren, habe ich jetzt verstanden. Ich hoffe wirklich, dass nach den Sommerferien wieder alles normal ist.

Digitaler Unterricht mit Corona-Bus

Jim, 1. Klasse,

Grundschule, Lahr

Die Corona-Pause fand ich blöd, ich durfte ja meine Freunde nicht sehen. Also habe ich mit meinem Bruder viel Lego gebaut und mit Papa Fußball gespielt. Mama oder Papa sind jede Woche in die Schule und kamen mit einer Tüte zurück. Da waren die Hausaufgaben für mich drin. Manchmal hat meine Lehrerin auch Schokobonbons oder Gummibärchen in die Tüte gepackt. Zuhause sitzen und Hausaufgaben machen ist langweilig. Manchmal musste ich meine Eltern fragen.

Unsere Lehrerinnen haben auch Erklär-Videos für uns gemacht. Wäre ja auch langweilig gewesen, wenn wir zuhause gar nichts Neues gelernt hätten. Es gab Videos, in denen es um neue Schreibschrift-Buchstaben ging. In Mathe gab es auch Videos. Unsere Lehrerin hat dafür gelbe Busse aus Papier gebastelt. Das waren die Corona-Busse. Wegen Corona und den Abstandsregeln durften in jeden Bus immer nur zehn Menschen einsteigen. Wir mussten dann rechnen, wie viel Menschen in einen Bus passen und wie viel Menschen auf den nächsten Bus warten müssen. Die Menschen waren nicht echt, das waren Plättchen. Die Videos fand ich gut.

Dass jetzt wieder Schule ist, finde ich sehr, sehr toll. Ein bisschen blöd ist, dass kein Sport ist und dass man nicht mehr singen kann. Wenn der CD-Player läuft, muss man doch mitsingen. Jetzt läuft der CD-Player und wir machen nur noch Zeichen zur Musik. Wie vorher ist die Schule also nicht. In den Fluren und im Treppenhaus müssen wir jetzt einen Mundschutz tragen. Zum Glück nicht im Klassenzimmer, das wäre ein bisschen ungemütlich. Es ist gut, dass die langweilige Corona-Zeit vorbei ist, da ist einem schon der Kopf auf die Decke, äh, die Decke auf den Kopf gefallen.