Klartext zu Europa

Wie war’s beim... BZ-Korrespondententalk mit Daniela Weingärtner?

Dietmar Ostermann

Von Dietmar Ostermann

Fr, 15. März 2019 um 11:06 Uhr

Freiburg

"Wenn sie gehen wollen, sollen sie gehen", sagt Brüssel-Korrespondentin Daniela Weingärtner zum Brexit. Auch sonst fand die erfahrene Journalistin klare Worte zur EU vor der Europawahl.

Die Veranstaltung

Die BZ-Korrespondentin in Brüssel, Daniela Weingärtner, sprach am Donnerstagabend an der Freiburger Uni im Rahmen der BZ-Hautnah-Reihe "Welche Zukunft wählt Europa?" vor rund 200 Zuschauern zum Thema "Der Brexit, die Europawahl und die Folgen". Moderiert von BZ-Chefredakteur Thomas Fricker und Michael Wehner von der Landeszentrale für politische Bildung entspann sich eine muntere Diskussion über eine EU, die vor der Europawahl im Mai mit vielfältigen Problemen kämpft. Weitere Korrespondenten-Talks zur Europawahl gibt es am 2. Mai (Polen-Korrespondent Ulrich Krökel), 9. Mai (Italien-Korrespondent Julius Müller-Meiningen) sowie am 23. Mai (Frankreich-Korrespondent Axel Veiel).

Das Publikum

Wohl weil gerade vorlesungsfreie Zeit ist, waren nur wenige Studenten da. Die da waren, brachten aber auch ihre Themen vor: Gefragt wurde etwa nach der EU-Urheberrechtsreform oder der Möglichkeit, ob Klimaschutz zum neuen positiven Narrativ für Europa werden könne. Die meisten Gäste waren dem Studierendenalter entwachsen, aber nicht minder an Europas Zukunft interessiert.

Der Vortrag

Wer die Artikel von Daniela Weingärtner kennt, weiß, dass sie für Europa brennt, aber nüchtern und ohne Illusionen auf die Europäische Union und ihre vielfältigen Probleme blickt. Zum chaotischen Brexit erinnerte Weingärtner, sie habe von Anfang an über die Briten gesagt: "Wenn sie gehen wollen, sollen sie gehen." Dass Britannien sich mit dem Alleingang selbst schadet, davon ist sie weiterhin überzeugt. Aber: "Wenn wir nicht recht haben und Großbritannien zeigt, dass es ohne die EU besser geht, dann wird die EU zerfallen, dann hat sie keine Existenzberechtigung mehr."
Ein Aufschub des Brexit wäre für Weingärtner keine Lösung – und im Übrigen auch nur bis Ende Juni möglich, sonst werde die ohne die Briten geplante EU-Wahl Ende Mai ungültig. In den übrigen EU-Staaten erwartet sie ein Wahlergebnis, bei dem die traditionellen konservativen und sozialdemokratischen Volksparteien womöglich erstmals im EU-Parlament keine Mehrheit mehr bilden könnten.

Kritisch ging Weingärtner auch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ins Gericht, auf den viele auch in Deutschland Hoffnungen auf eine Erneuerung der EU setzen. Weingärtner warf Macron vor, seine Vorschläge gingen zu Lasten Deutschlands. Was nicht schlimm wäre, wenn sie die EU voranbringen würden, dies sei aber nicht der Fall. In keinem Punkt habe Macron französische Interessen für eine besser funktionierende EU zurückgestellt, sonst hätte er etwa auf den zweiten Sitz des Europaparlaments im französischen Straßburg verzichten oder anbieten können, Frankreichs ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat in einen europäischen Sitz umzuwandeln.

Weingärtners vielleicht pessimistischste These: Zwar hätten die Krisen der vergangenen Jahre so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit geschaffen. Man wisse nach der Eurokrise etwa mehr über Griechenland, durch die Probleme mit den Osteuropäern mehr über diese Region. Aber: "Je mehr wir übereinander wissen, desto fremder werden wir uns."

Der größte Applaus

Gefragt, ob nicht auch die Medien Verantwortung dafür hätten, dass Europa derzeit vielfach keine Begeisterung weckt, gab Weingärtner eine - wie sie es formulierte - "brutale" Antwort: Nein, ihre Aufgabe sei als Journalistin schlicht, zu berichten, "was ist". Wenn es in der EU eben viele Probleme gebe, berichte sie über diese. Wenn dann Politiker, die dafür verantwortlich seien, selbst Probleme bekämen, könnten diese nicht zu ihr kommen und sagen: Europa ist doch eine gute Sache, schreiben sie nicht so viel über die schlechten Seiten. Das Publikum fand diese Beschreibung der Rolle von Journalisten einen langen Beifall wert.