Gedenkveranstaltung in Freiburg

Wie weit ist Antisemitismus heute noch oder wieder verbreitet?

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

So, 24. Januar 2021 um 16:27 Uhr

Südwest

Der Sonntag Am Mittwoch wird der Opfer des Holocausts und der Befreiung des Lagers Auschwitz im Januar 1945 gedacht. Im Vorfeld haben wir mit einer Historikerin über Antisemitismus und Zivilcourage gesprochen.

Bei der Gedenkveranstaltung der Stadt gibt es eine Podiumsdiskussion über "Zivilcourage gegen Antisemitismus in der NS-Zeit und heute". Es moderiert Julia Wolrab, die auch als Leiterin des künftigen Dokumentationszentrums Nationalsozialismus in Freiburg Gedenken und Information verbinden will.

BZ: Frau Wolrab, im November 2019 wurde in einem Freiburger Fitnessstudio einem jungen Juden die Kippa, die er trug, vom Kopf gerissen, er wurde angegangen und beschimpft. Rund zehn Männer in der Umkleidekabine, so hat er es der Badischen Zeitung erzählt, griffen nicht ein, nur ein älterer Mann, der hereinkam, stellte sich dem Angreifer in den Weg. Warum zeigt der eine Zivilcourage und die anderen nicht?
Wolrab: Es ist nicht so, dass es Menschen gibt, die immer zivil couragiert auftreten. Das hängt davon ab, mit welchen Werten wir aufgewachsen sind, von der Situation und wie wir uns in dem Moment fühlen. Da wird im Kopf abgewogen, ob ich mich vielleicht selbst in Gefahr bringe, wenn ich mich jetzt einsetze. Das sind durchaus legitime Gedanken. Es ist traurig, dass von den Umstehenden im Fitnessstudio keiner eingegriffen hat.

"Das ist nicht okay, was du gesagt hast. Ich möchte, dass du das nicht wiederholst."
Aber wir können das nur schwer beurteilen, wenn wir nicht in der Situation waren. Zivil couragiertes Handeln fängt übrigens nicht erst dann an, wenn es um Tätlichkeiten geht, sondern auch schon, wenn es um Diskriminierung, um rassistische Beleidigungen auf dem Schulhof oder am Arbeitsplatz geht. Da ist es geboten, zu sagen: "Das ist nicht okay, was du gesagt hast. Ich möchte, dass du das nicht wiederholst." Man muss das dann auch gar nicht erklären, es geht darum, ein Zeichen zu setzen. Aber auch das ist nicht selbstverständlich, es erfordert auch schon Mut – und vielleicht ein bisschen Übung, aus sich herauszugehen und Haltung zu zeigen.

BZ: Bei der Veranstaltung am Mittwoch geht es speziell um Antisemitismus. Wie weit ist der heute noch oder wieder verbreitet?
Wolrab: Er war nie weg in der deutschen Gesellschaft, es hat nach 1945 keine wirkliche Aufarbeitung stattgefunden, weder in der Bundesrepublik noch in der DDR. Und wenn wir uns heute mit Jüdinnen und Juden in Deutschland unterhalten, merken wir, dass der Antisemitismus nicht erst bei terroristischen Anschlägen beginnt oder bei Vorfällen wie dem in Freiburg. Er beginnt schon bei Stereotypen, die vielleicht auch als Witz formuliert werden, die aber verletzend und diskriminierend sind.

BZ: In der NS-Zeit war der Antisemitismus offen, alltäglich und von brutaler Gewalt. Wie konnte man da noch Zivilcourage zeigen?
Wolrab: Wenn wir an die Zeit des Nationalsozialismus denken, fällt es in der Tat schwer, an das Stichwort Zivilcourage zu denken. Wir wissen, dass das System von den meisten Menschen gestützt wurde und dass dadurch Vertreibungen und Deportationen erst möglich wurden. Freiburg war auch sicherlich kein Zentrum widerständiger Haltung.

"Es stellt sich die Frage, wo zivil couragiertes Handeln begann: damit, dass ich meine jüdischen Nachbarn nicht denunziere?"
BZ: Aber es gab trotzdem Zivilcourage?
Wolrab: Natürlich gab es, das wissen wir alle, das beispiellose Eintreten von Gertrud Luckner, ihren christlich motivierten Widerstand. Sie hat unter Einsatz ihres eigenen Lebens viele Jüdinnen und Juden gerettet, aber auch Menschen mit anderen Verfolgungsgeschichten. Es gibt darüber hinaus aber auch überlieferte Berichte von Freiburgerinnen und Freiburgern, die sich auch im Kleinen für Jüdinnen und Juden eingesetzt haben. Die Historikerin Christina Eckert, die bei der Podiumsdiskussion dabei sein wird, hat dazu geforscht und Interviews mit den Nachkommen dieser Menschen geführt. Auch die Geschichtswerkstatt der Lessing-Realschule Freiburg setzt sich seit vielen Jahren mit dem Thema auseinander. Es stellt sich die Frage, wo zivil couragiertes Handeln begann: damit, dass ich meine jüdischen Nachbarn nicht denunziere? Oder geht es darum, jemanden mit Lebensmitteln zu versorgen? Es gibt die Geschichte von Emma und Oskar Heilbrunner, die ab 1939 auf dem jüdischen Friedhof im Verwaltungsgebäude lebten. Oskar Heilbrunner war Jude, Emma war nach dem rassistischen Klassement der Nazis sogenannte Arierin. Sie wurden diskriminiert und bekamen weniger Lebensmittelrationen zugeteilt. Ihre fünfköpfige Familie konnten sie nur durchbringen, weil Maria Hartmann, die in einer Metzgerei arbeitete, sie heimlich mit Lebensmitteln versorgte. Am 27. November 1944 bei der Bombardierung Freiburgs ist das Verwaltungsgebäude zerstört worden. Da hat sich Maria Hartmann mit einer Verwandten in Verbindung gesetzt, Agathe Burgert, die in Bollschweil auf einem Bauernhof lebte und dafür gesorgt hat, dass die Familie dort unterkommen konnte. Die Heilbrunners haben durch den Einsatz von Menschen überlebt, von deren Motiven man gar nichts weiß und über die man heute nur noch spekulieren kann: War es Menschlichkeit, waren es christliche Werte, war es eine politische Haltung? Diese und ähnliche Geschichten aus Freiburg können wir als Vorbild nehmen, wenn wir uns fragen, wo zivil couragiertes Handeln beginnt und was man als einzelne Person tun kann.
Zur Person

Julia Wolrab (35) hat Geschichte und Public History an der Universität Freiburg und der Freien Universität Berlin studiert. Sie hat zuletzt als wissenschaftliche Referentin beim Verein "Gegen Vergessen – Für Demokratie" gearbeitet, seit Oktober 2020 ist sie Leiterin des künftigen Freiburger Dokumentationszentrums Nationalsozialismus, das 2023 eröffnet werden soll.

BZ: Die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden und zugleich zu kontrastieren, das ist auch das Konzept für das künftige Dokumentationszentrum Nationalsozialismus in Freiburg. Was bieten sich da noch für Themen an?
Wolrab: Da gibt es eine ganze Bandbreite von Themen, die ihren Impuls aus der Vergangenheit nehmen, aber auch für die Gegenwart relevant sind. Wenn es zum Beispiel um die Etablierung der NS-Diktatur geht, spielte dabei die Propaganda eine ganz große Rolle. Und wir sehen heute in einigen Ländern, dass dort das Thema Propaganda eine große Rolle spielt, wir sehen, dass Medien einen großen Einfluss auf politische Willensbildung haben. So kann man das Dreieck Politik–Medien–Zivilgesellschaft auch in der Gegenwart beleuchten. Man kann tatsächlich in jedem Ausstellungsteil versuchen, Brücken in die Gegenwart zu schlagen.

BZ: Ebenfalls wie in der Veranstaltung am kommenden Mittwoch sollen sich im Dokumentationszentrum Gedenken und Information miteinander verbinden. Wie verhält sich beides zueinander?
Wolrab: Es sind schon ganz unterschiedliche Konzepte. Das eine ist ein Gedenkort, in den die Fundamentsteine der Alten Synagoge integriert werden sollen, ein Ort, der allen Opfergruppen in Freiburg gewidmet sein soll. Er ist der Geschichte der Menschen gewidmet, die in Freiburg verfolgt und auch ermordet wurden.

Der andere Teil ist ein Dokumentationszentrum, in dem zwar die Opfergeschichten auch eine große Rolle spielen werden, aber genauso die Geschichten der Täter oder die des nationalsozialistischen Systems. Gedenken und Informieren, auch über den Nationalsozialismus zu forschen – das ist eine Kombination, die auch in den KZ-Gedenkstätten eine zentrale Rolle spielt. Dort haben Menschheitsverbrechen stattgefunden, und die Orte stehen vor der Herausforderung, den Opfern zu gedenken und gleichzeitig über das verbrecherische System aufzuklären. Beides schließt sich nicht gegenseitig aus.
Info

Die Gedenkveranstaltung im Theater Freiburg am Mittwoch um 18.30 Uhr wird wegen der Corona-Pandemie ohne Gäste stattfinden und unter http://www.infreiburgzuhause.de im Netz gestreamt. Später steht eine Aufzeichnung auf der Internetseite.