"Wir sind gerade dabei, zu versaufen"

Aufgezeichnet von Tomma Schröder

Von Aufgezeichnet von Tomma Schröder

Sa, 01. August 2020

Deutschland

Johann Petersen ist als Postschiffer mit einer Lore im Wattenmeer unterwegs.

Die Post bringt Johann Petersen vom Festland auf die Halligen in Nordfriesland, das sind kleine Inseln im Wattenmeer, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. Je nach Wetter und Hallig benutzt der 53-Jährige ein Postschiff oder fährt mit einer Lore auf Schienen, die auf einem Steindamm liegen, durchs Wattenmeer. Johann Petersen, den seine Landsleute "Hanni" nennen, ist sechsfacher Vater, selbst auf einer Hallig aufgewachsen und beobachtet die Veränderungen in seiner Heimat mit großer Sorge.

"Mein Arbeitstag sieht so aus, dass ich die Post auf dem Festland abhole und sie dann mit der Lore zu den Halligen Oland und Langeness bringe. Loren sind schwer zu beschreiben, es sind sehr kleine selbst gebaute Lokomotiven, die eher wie Seifenkisten aussehen. Das Unglaubliche ist, dass es Loren überhaupt gibt in Deutschland, weil das alles ohne TÜV und ohne Verkehrsschilder läuft.

Jetzt gerade sitze ich auf Oland und warte, bis genug Wasser da ist, und dann fahre ich von hier aus mit dem Schiff und der restlichen Post rüber nach Hallig Gröde. Die Herausforderung dabei ist: Das Wasser kommt nie zur gleichen Zeit, und das Wetter macht auch, was es will. Aber es hat noch nie einen Tag in meinem Leben gegeben, an dem mir das keinen Spaß gemacht hat. Es ist natürlich ab und zu brenzlig, spätestens wenn man bei Gewitter vor einer Hallig gelegen hat, nicht in den Hafen kommt, und der Wind auf Stärke neun aufdreht. Aber es hat trotzdem seinen Reiz. Und in solchen Situationen spürt man auch ganz deutlich, was für ein kleiner Wurm man ist.

Das erlebt man auf einer Hallig bei jeder Sturmflut aufs Neue. Eine Sturmflut macht einem immer Angst. Schon allein, weil es so laut ist, dass Sie brüllen müssen, wenn Sie sich unterhalten wollen. Außerdem bebt das ganze Haus. Manchmal fallen sogar Bilder von den Wänden. Spätestens dann wissen Sie, dass es keine Möglichkeit gibt, sich zu verstecken oder sich dagegen zu wehren. In allererster Linie ist man damit beschäftigt, sich selbst und seine Familie und die Tiere zu retten. "Alles, was Beine hat", hat meine Oma immer gesagt, "hat Vorfahrt". Am Ende ist für uns Halligbewohner schon alles gut gegangen, wenn das Haus noch steht. Denn damit müssen Sie rechnen, dass Ihr Haus dem einmal nicht standhält.

In letzter Zeit hat sich das Meer unglaublich schnell verändert. Wir haben sehr viel mehr Überflutungen. Wir haben es jetzt das erste Mal erlebt, dass nach einer Überschwemmung die Hälfte der Hallig ohne Bewuchs war, weil die See so stark war, dass sie den einfach kaputt gemacht hat. Da verändert sich unglaublich was, und niemand nimmt es wahr. Denn wenn es um den Klimawandel geht, dann liest man meist etwas über die Südseeinseln oder Venedig oder sonst etwas. Aber wir sind gerade dabei, hier zu versaufen. Oland steht kurz vor dem ökologischen Kollaps.

Eigentlich habe ich, eigennützig wie ich bin, immer gedacht: Wenn das noch 20, 30 Jahre hält, dann bist du tot, dann siehst Du das alles nicht mehr. Dass ich das alles noch miterleben muss, das tut schon weh. Wir haben die Hoffnung auch definitiv aufgegeben. Wir genießen die Zeit, die wir noch haben. Alles, was wir machen können, ist darüber zu reden in der Öffentlichkeit: Hej Leute, da geht ein ganzes Kulturgebiet verloren. Es gibt auf diesem Planeten nur fünf besiedelte Halligen. Unsere nämlich. Das geht noch 20 Jahre gut, und dann ist das vorbei."